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Serie "Becher und die Gegenwart": Johann Joachim Becher, Vordenker eines deutschen Kolonialismus - Barockes Mobbing
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BERICHTE | JOHANN JOACHIM BECHER
Samstag, den 18. August 2012 um 07:28 Uhr

Von Dr. Martin Hussong
Im Mai 1664 kam Johann Joachim Becher mit einer Empfehlung des Kurerzkanzlers von Mainz nach München an den Hof des Kurfürsten Ferdinand Maria und seiner Gattin Henriette Adelheid von Savoyen. Das Kurfürstenpaar stand nur wenige Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg vor großen Problemen. Der Bevölkerungsverlust war enorm, das Steueraufkommen gering. 1652 war es zu einer Finanzkatastrophe gekommen. Vor allem Henriette Adelheid, Tochter des französischen Königs Heinrich IV, schaltete sich intensiv in die Bemühungen ein, die Probleme des Landes zu lösen. Die aus Frankreich stammenden merkantilistischen Methoden wurden übernommen. Das Kurfürstenpaar nahm sich aber auch französische Hofhaltung zum Vorbild.

 

Henriette Adelheid gab den Anstoß zum Bau der Theatinerkirche. Sie hatte ein Gelübde wegen eines sehnlichst erwarteten Thronfolgers abgegeben. Als der 1662 endlich geboren war, gab Ferdinand Maria als Geschenk für seine Gemahlin, die auch zu einem luxuriösen Lebensstil neigte, den Auftrag zum Bau des Schlosses Nymphenburg.
Der Verbesserung der Finanzlage sollte die Gründung eines Kaufhauses dienen. Rohstoffe sollten aus dem Ausland günstig und zentral erworben und von heimischem Gewerbe oder Manufakturen verarbeitet werden. Zugleich mit deren Förderung könnte mit den Fertigprodukten der Export angekurbelt werden. Die Einfuhr ausländischer Manufakturwaren, insbesondere Luxuswaren aus Frankreich, wurde verboten.
Für dieses Projekt schien Becher der richtige Mann zu sein. Umgehend beauftragte der Kurfürst ihn mit der Verwirklichung. Schon im Juni wurde er zum kurfürstlichen „Hofmedicus und Mathematicus“ ernannt. Für eine Reise in die Niederlande erhielt er „Befehl und Gewalt“, dort Gespräche und Verhandlungen mit Kaufleuten zu führen, um sie zu motivieren, „in die Compania oder Socität“ des allgemeinen Kaufhauses einzutreten und dort ihre Waren anzubieten. Becher war befugt, den Interessenten, auch Handwerkern und Manufakturen, den Schutz des Kurfürsten zu garantieren.
Mit Feuereifer widmete er sich diesem Projekt, entsprach es doch seinem großen Ziel, an der Schaffung einer „volkreichen nahrhaften Gemein“ mitzuwirken. Ohne Zögern machte er sich auf die Reise nach „Brabant und Holland zwar mit Leibs- und Lebensgefahr, denn es grassiert die Pest allda stark“.
Der Erfolg dieser Reise war jedoch bescheiden. Holländische Kaufleute machten verschiedene Einwendungen, wollten sich z. T. nur beteiligen, wenn das Projekt unter holländischer Leitung stehe. Nach München zurückgekehrt berichtete Becher und machte den Vorschlag, zunächst eine Kommission, einen „Commercienrat“ zu gründen, der das Projekt voranbringen sollte. Aber dann bewegte sich nichts mehr. Horn war mit anderen Dingen beschäftigt. Wahrscheinlich hatte unterdessen auch ein Gegenspieler Bechers, der Jurist Kaspar von Schmid, der am Hof eine maßgebliche Rolle spielte, die Pläne hintertrieben. Solche Erfahrungen musste Becher in Zukunft immer wieder erleben.
Um die Gründung einer deutschen Handelsgesellschaft hatten sich schon der Kurfürst von Brandenburg-Preußen, der Große Kurfürst und der kaiserliche Hof in Wien bemüht. Letztlich scheiterten die Pläne am Egoismus der Territorialmächte.
In der Tat litt die Wirtschaft deutscher Länder unter dem Problem, darauf angewiesen zu sein, Waren und Rohstoffe wie Zucker, Tabak, Indigo teuer aus den Ländern zu beziehen, die schon seit langem Kolonien in Ost- und West-Indien (= vor allem Karibik, Süd- und Mittelamerika) unterhielten und die Produkte aus ihnen bezogen. Zu den Niederlanden und Spanien hatte man schon Kontakte geknüpft. Man dachte dabei daran, als Lehensnehmer in deren Kolonien eigene „Companien“ zu gründen. Der Große Kurfürst, hatte sich schon länger darum bemüht, in der Karibik Fuß zu fassen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts besaß Brandenburg sogar für einige Jahre eine kleine Niederlassung „Groß-Friedrichsburg“ in Westafrika. Von dort bezog man vor allem Sklaven. Geplant war auch die Gründung einer deutschen Ost-Indien-Companie. Trotz anfänglichen Entgegenkommens hatten die Unterhändler dann allerdings weder in Spanien noch in den Niederlanden Erfolg. Auch an den deutschen Höfen gab es immer wieder Vorbehalte, so dass die Pläne letztlich nicht verwirklicht wurden. Dennoch, der Gedanke, sich in Kolonien zu engagieren, blieb weiter lebendig. Insbesondere Henriette Adelheid war an Produkten aus exotischen Ländern, also an ‚Kolonialwaren‘, interessiert. Kurfürst Ferdinand Maria hatte schon Kontakte angebahnt. Als Becher dann in Sachen ‚Kaufhaus‘ in die Niederlande reiste, erhielt er von der Kurfürstin noch ein besonderes „Creditiv“, das ihn beauftragte, mit einem Grafen Horn, den sie und ihr Gatte auf einem Reichstag in Regensburg kennen gelernt hatten, über die Gründung einer bayerischen Kolonie auf den niederländischen Besitzungen in West-Indien zu reden. Horn schrieb dann selbst an die Kurfürstin und pries Land an der „wilden Cüste Guiana“ an. Es sei „ein so gutes und gesundes Land, allwo die teutsche Nation als in keiner andern in ganz America bestehen würde.“ Zu weiteren Kontakten kam es aber nicht mehr, weil Horn sich mit anderen Problemen auseinander setzen musste.
Dennoch, Becher bemühte sich weiter um die Ausarbeitung von Vorschlägen, verwendete dabei auch umfangreiches Material von früheren Plänen anderer heran. Er hat sie z. T. übersetzt und in seinem „Politischen Diskurs“ abgedruckt, z. B. ein „Memorial“ des Markgrafen Herman von Baden an den Kaiser über die Gründung einer „Ost-Indischen Companie“.  Besonders wichtig wurden für Becher die Pläne von Johann Daniel Kraft aus Wertheim, der schon für Bayern in Paris, allerdings vergebens, über Kolonien verhandelt hatte. Ausführlich hatte er sich über den Sinn und die Vorteile einer Kolonie Gedanken gemacht und auch genaue Berechnungen über notwendige Investitionen aufgestellt. Einen seiner Hauptgedanken zitiert Becher mehrfach und macht ihn sich zu Eigen.
„Müssen jetzo alle aus Indien kommenden Waren von bar Geld erkauft werden, welches Geld alles aus dem Land gehet.“ Betriebe man aber in Übersee Companien, könnte man Waren aus heimischen Manufakturen, z. B. „Leinwand, Wollen, Nürnberger Waren, allerlei Eisen und Stahlwerk in großer Menge“ z.B. in Indien „verhandeln“ gegen „solche Waren, welche hier im Land wieder um bar Geld verkauft werden, also dass das Geld im Lande bleibt.“
Wer in Deutschland arm ist, werde als Auswanderer nach einigen Jahren reich zurückkehren. Ausführlich geht Becher auch auf die Vorteile des Klimas und der Fruchtbarkeit der Länder West-Indiens ein. Alle diese Projekte, auch das bayrische, blieben aber erfolglos. Verbittert schreibt Becher: „Solcher gestalt nun ist man bayerischer Seiten zwischen zwey Stühlen gesessen, da doch unter meiner Direktion das Werk gewiss fortgangen wäre.“

Ratschläge für deutsche Kolonialunternehmen
Der Misserfolg konnte Becher jedoch von dem Thema nicht abbringen. Er sammelte geografische, klimatische und wirtschaftliche Informationen aus Veröffentlichungen aber auch von Reisenden, die eigene Erfahrungen aus den in Frage kommenden Ländern hatten. Er berechnete Kosten, zu erwartende Rendite und notwendige organisatorische Maßnahmen. Nach einer Anfangsphase könnte sich, so meint Becher, der finanzielle Einsatz mit mehr als hundert Prozent verzinsen. Deutsche Fürsten, die sich auf das Abenteuer Kolonien einlassen, könnten mit den Gewinnen die noch aus Kriegszeiten herrührenden Haushaltsdefizite beheben. Bauern, die es wagten nach West-Indien auszuwandern und dort zu kolonisieren, kämen arm aus Deutschland dort an und kehrten reich wieder zurück.
Die Frage, wie Arbeitskräfte, die z. B. für den Zuckerrohranbau gebraucht würden, zu gewinnen wären, schien gelöst. Indios seien für eine solche Arbeit allerdings nicht geeignet. Man benötige dafür „Negros“, das sind „Mohren“ aus Afrika. Dort lebten sie elend und ungesund. Über die West-Indische Companie der Niederlande könne man sie von dort „erhandeln“ und nach Amerika in „ein viel edleres Land“ bringen. Ihre Sklaverei würden sie dort nach einiger Zeit nicht mehr mit der „Freyheit“ eines Bauern in Deutschland tauschen wollen. „Ein Mohr ist eine edle Creatur zum Landbau.“
Wichtig für Becher waren auch Fragen der Infrastruktur, z. B. die Lösung des Transportproblems. Wie sollten Menschen und Waren über so weite Entfernungen gebracht werden? Bechers Antwort: In Europa stehen flächendeckend Wasserwege zur Verfügung oder sie könnten gebaut werden. Vielleicht dachte Becher hier auch an sein Projekt eines Main-Donau-Kanals: „Wir haben den Donau, Rhein, Inn, Elbe, Oder und Weichsel-Strohm.“ Man müsste eben Soldaten einen Sommer lang für den einen oder anderen Durchstich einsetzen. Für die Überquerung des Atlantiks hätten die Niederländer genügend Schiffe. Die Überfahrt von Amsterdam nach West-Indien könne schon in sechs Wochen bewältigt werden. Um Waren aus Ost-Indien, Japan und China schneller und leichter nach Europa transportieren zu können, schlägt Becher einen Kanal durch die Enge von Panama vor, eine Idee, die schon Karl V. und später Alexander von Humboldt hatten. Nach langer Vorbereitungszeit konnte der Kanal allerdings erst 1914 befahren werden.
Um mit den indigenen Bewohnern gut zu Recht zu kommen, mahnt Becher die Kolonialisten, sich „die Indianer zu Freunden zu halten, sie nicht tot schlagen noch sich an ihre Weiber zu halten“. Mit „Glas-Corallen und andrem Puppenwerk sind sie leichtlich zu unterhalten.“

Verhandlungen mit der Westindien-Compagnie (WIC) in Amsterdam
Das Problem, das Becher allerdings noch nicht lösen konnte, war: Er brauchte einen interessierten Fürsten, der auch eine Anfangsfinanzierung leisten konnte. Den fand er dann im Grafen Friedrich-Casimir von Hanau. Man weiß nicht genau, wie es zu dieser Bekanntschaft gekommen ist. Jedenfalls hatten sie sich einmal in Frankfurt getroffen. Ob Becher die wahre Situation des Grafen und seinen Charakter realistisch einschätzen konnte, bleibt fraglich. In seinem doch recht kleinen Territorium hatte er es mit einer verzweigten Verwandtschaft mit unterschiedlichen Interessen zu tun. Zwischen den Lutheranern und Reformierten unter ihnen gab es ständig Auseinandersetzungen. Der Graf selbst galt als kunstsinnig, aber auch leichtfertig. Über ein Experiment mit West-Indien wurden der Graf und Becher  schnell einig. Anfang Juni 1669 trat Becher mit einigen Begleitern zu Schiff seine Reise nach Amsterdam an, wo er die „Bewindhebber“, die führenden Vertreter der West-Indischen-Compagnie, traf. Die Verhandlungen zogen sich über mehr als einen Monat hin. Mehrmals waren Vertragsänderungen nötig. Förderlich wirkten sicher auch Geschenke, die der Graf aus seiner Schatzkammer mitgegeben hatte.
Zum 19. Juli waren die Deutschen zu einem „Tractament“, d. h. zu einem Festmahl geladen. Im vornehmsten Saal von Amsterdam wurden mehrere Gänge aufgetischt. Allein der erste Gang währte zwei Stunden. Vor dem nächsten Gang wurden Tabak und Tee gereicht und die Tische neu gedeckt. Es wurde auch Wein kredenzt, ein „starker guter Rheinwein“. Man ließ sich auf die Knie nieder und trank sich gegenseitig Gesundheit zu. Die Gastgeber warfen ihre „Kastorhüte“ (aus Biberhaaren gefertigte Filzhüte) auf die Erde. „Da begunten die Herren fröhlich zu werden und selbst miteinander zu tanzen.“ Dazu spielten die „Staats-Musicanten“. Am nächsten Morgen schickte Becher seinen Vetter Hörnigk zu den Herren, um sich zu bedanken und um Verzeihung zu bitten, „wann etwan Unhöflichkeit gestern im Trunk wäre vorgeloffen“. Die Ratifizierung des Vertrags erfolgte jedoch erst Anfang August. Am 8. August begann die Rückfahrt.
Die Gründung einer „Hoch-Teutschen Hanauischen Kolonie“ schien erfolgreich auf den Weg gebracht. Im Bereich der niederländischen Kolonie in Guyana, im Norden Südamerikas, hatte der Graf von Hanau ein Lehen erworben, auf dem er eine eigene Kolonie aufbauen konnte. Das Gebiet lag „zwischen dem Rio Orinoco und dem Rio de las Amazonas an der festen Küst in der Landschaft Guyana.“

Barockes Mobbing
Die Reise verlief ruhig, bei der Ankunft in Frankfurt am 19. August überfielen Becher jedoch „böse Zeitungen“. Verwandte des Grafen warfen ihm vor, der Doktor habe ihn zu schlimmen Unternehmungen gleichsam „verzaubert“. Er habe auch aus der gräflichen Kunst-Kammer eine Kiste von „Raritäten“ gestohlen und sei damit heimlich durchgegangen. Außerdem verbreite er ketzerische Glaubenslehren. Wie Lauffeuer gelangten die Verleumdungen auch nach München, wo Bechers hochschwangere Frau sie aushalten musste.
Urheber dieser Intrigen gegen Becher und den Grafen war ein Bent Skylte. Als schwedischer Rat war er aus Amt und  Heimat verwiesen worden und versuchte nun, ein  typischer barocker Abenteurer, an Fürstenhöfen wenig seriöse Ideen zu verkaufen. Einer seiner Pläne sei gewesen, eine „universal harmoni der Sprachen zu machen“, ein Thema, mit dem sich auch Becher schon befasst hatte. Deshalb war er auch vom Münchner Hof auf ihn angesetzt worden. In Hanau wollte Skylte den Grafen dazu bewegen, eine Künstlerkolonie, eine „Sophopolis“ zu gründen. Becher glaubte erkannt zu haben, dass dieses Vorhaben nur ein Vorwand war, den Grafen zum Kauf einer Sammlung unnötiger Wachskunstwerke zu veranlassen, sie ihm zu „einem unbillichen Preis aufzuhenken, sich dadurch ein Stück Geld zu machen“. Das habe Becher zu verhindern gewusst. In seiner Abwesenheit habe sich Skylte dann mit bösen Gerüchten gerächt.
Schlimm vor allem war, dass der Graf in Bechers Abwesenheit eine beträchtliche Summe ausgegeben hatte für Arbeiten des Wachsbossierers Daniel Neuberger, die waren dem Grafen von Skylte angepriesen worden. Damit war das Versprechen gebrochen, das Friedrich Casimir Becher vor dessen Abreise gegeben hatte. Die 9000 Reichstaler waren ja für das Kolonie-Projekt vorgesehen gewesen. Jetzt war das Geld weg, der Graf hatte sogar sein Amt Rodheim an den Fürsten von Hessen-Homburg für sein teures Hobby verpfänden müssen. Dieser tat dazu noch alles, den Grafen von den indischen Plänen abzubringen. Becher habe betrogen, ihn zum „König in Schlauraffenland“ gemacht. Vor allem Verwandte und Räte diffamierten den Grafen, Becher und deren Vorhaben. Die verwitwete Gräfin Anna Magdalena von Hanau warf Becher vor, die indischen Sachen seien nur „Vanitäten“, zu denen er den Grafen verführt und damit dem Hause Hanau Schaden zugefügt habe.
Der Graf jedoch hielt nach wie vor zu Becher, belohnte ihn und seinen Partner Gerhard Goris, der West-Indien aus eigener Erfahrung kannte, gar mit einem „Afterlehen“, einem Stück Land als Kolonie am Fluss Aperwake (heute ‚Approuague‘ in franz. Guyana). Und Becher veröffentlichte zur Herbst-Messe eine umfangreiche Verteidigungsschrift gegen die Vorwürfe, welche die „Feinde aller guten Concepten in seiner Abwesenheit“ verbreitet hatten. Noch einmal kommentiert und rechtfertigt er die einzelnen Vertragsartikel, geht ausführlich auf die zu erwartenden Vorteile seines Kolonialprojekts ein. Hart greift er vor allem seine Gegner an: Den deutschen „Stubenbrüdern“ sei Indien ein „schlimmes Land“ und „ein Böhmisches Dorf“. In Deutschland werde jährlich viel zu viel „mit Karten verspielet“ oder „unnützerweis an Bändern verschlissen“, Nützliches dagegen nur „schläfrig“ angegangen. Von der „Hochteutschen Colonie hingegen kann ganz Teutschland Ehr und Nutzen haben, indem es seinen Teutschen selbst das Geld gönnt, welches es bis dato für Zucker und andere dergleichen Waren in großer Menge den Freunden außer Land gegeben.“ Die Teutschen fürchteten sich zudem vor den langen Schifffahrten. Aber es sei „ein Wunder, dass sich die Teutschen so vor dem Versaufen fürchten, da sie doch gerne saufen und der Hochteutschen ihr Lebenlang mehr in Wein als in der See versoffen.“ An anderer Stelle schreibt er: „Sollte sich einmal eine Unruhe oder Krieg im Röm. Reich erheben, der den Weinfässern den Boden ausstieße und die Öfen einschmisse, dürften vielleicht solche Zapfen- und Stuben-Junker, die lieben Muttersöhngen, auch noch einmal nach Indien fragen.“ Wer den großen Nutzen einer Kolonie nicht begreift, „derselbe muss gewaltsam dünn an dem Verstand sein.“ Becher schließt seine Widerlegungen mit dem Ausruf: „Wohlan dann tapfere Teutschen, machet, dass man in der Mapp (Landkarte) neben neu Spanien, neu Frankreich, neu Engelland auch ins künftige neu Teutschland finde.“
Becher selbst kam allerdings nie in sein „Afterlehen“ in Guyana. Aus der Hochdeutschen Kolonie des Grafen von Hanau wurde nichts. Seine Verwandten stellten ihn unter Kuratel.
Becher schließt seinen Politischen Discurs allerdings noch einmal mit einem optimistischen Ausblick:
„Derjenige Potentat, er sey auch wer er woll, so sich eine Indische Colonie zu erheben ernstlich unterstehen wird, dem verspreche ich, kann es ihm auch in der That in wenig Stunden beweisen, dass er an Volk, Macht und Geld der Mächtigste könne werden, welcher etwan jetzund bey uns in Teutschland oder angrenzenden Ländern seyn mag.“

Spätere Probleme mit einem deutschen Kolonialismus
Sein Versprechen konnte Becher nicht einlösen, es gab keine Interessenten mehr für sein Projekt. Kleinere Unternehmungen, bei denen es sich allerdings meist nur um Handelsstützpunkte, nicht um Ansiedlungen gehandelt hatte, blieben ohne Erfolg. Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg-Preußen z. B. verkaufte ca. 1708 seine Besitzungen in Westafrika an die Holländer. Friedrich der Große war an einem holländischen Angebot in West-Indien, einen Teil der Insel St. Martin zu erwerben, nicht interessiert. Im Jahre 1959 erschien in Hanau eine Schrift von Ferdinand Hahnzog mit dem Titel „Hanauisch-Indien einst und jetzt.“ Der Verfasser hat – meines Wissens als einziger - das Gebiet, das in Guyana von Becher als Hochdeutsche-Kolonie vorgesehen war, persönlich bereist und ist zu folgendem Ergebnis gekommen: Keineswegs sei Bechers Planung eine reine Utopie gewesen. „Das Schlaraffenland hatte sich als die ernst zu nehmende Wirklichkeit dieser ungläubigen, leichtfertigen und abschätzenden Bezeichnung gezeigt!“ Bechers deutsche Landsleute seien „zum Verständnis seiner bahnbrechenden Ideen unfähig“ gewesen. Hahnzog stand allerdings dem Problem des Kolonialismus selbst noch recht unkritisch gegenüber.
Noch Bismarck hatte bis 1884, am Beginn des Imperialismus, große Bedenken gegenüber Forderungen gerade entstandener deutscher Kolonialvereine, dass auch Deutschland im Konzert der europäischen Kolonalmächte mitspielen sollte. Territoriale Erwerbungen lehnte er ab, war allenfalls bereit, deutschen Handelsniederlassungen in anderen Erdteilen Schutz zu gewähren. Es waren nämlich zunächst Kaufleute wie Lüderitz und Peters, die z. B. in Südwest-Afrika und Ostafrika Land erworben hatten. Sie kamen aber in Schwierigkeiten und forderten Hilfe vom Reich. Und Bismarck war jetzt doch bereit, auch um von innenpolitischen Problemen abzulenken, in das Kolonialgeschäft einzusteigen. Das Gebiet von Lüderitz wurde als „Deutsch-Süd-West-Afrika“ „Schutzgebiet“ des Deutschen Reiches und so zur echten Kolonie. Ähnliches geschah auch mit anderen Territorien. Wilhelm II. vertrat dann im Gegensatz zu Bismarck eine expansionistische Weltpolitik, strebte für Deutschland nach einem „Platz an der Sonne“. Seine großmäulige Machtpolitik hatte allerdings wenig wirtschaftlichen Erfolg. Die deutschen Kolonien wurden ein Verlustgeschäft. Deutsche, die auswandern wollten, siedelten lieber in den USA als in Afrika oder auf Inseln der Südsee. Zunehmend litt der Ruf Deutschlands auch unter der brutalen Ausbeutung der indigenen Völker, vor allem durch den Völkermord an den Hereros, der noch heute die Beziehungen Deutschlands zu Namibia belastet. Die damalige Entwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul bat bei einem Besuch in Namibia im Jahre 2004 Vertreter der Hereros für die Verbrechen der deutschen Kolonialherren um Vergebung. Als erste gebrauchte sie dabei den Begriff „Völkermord“. Einer Forderung nach Wiedergutmachungsleistungen hat die Bundesrepublik jedoch nicht entsprochen.
Über Bechers Mahnung, „die Indianer und ihre Weiber zufrieden zu lassen und zu Freunden zu halten“, hätten die deutschen Kolonialherren am Beginn des 20. Jahrhunderts wohl nur gelacht. Aus heutiger Sicht könnte man den durch den Versailler-Vertrag erfolgten Verlust aller deutscher Kolonien und deren Aufteilung an die Siegermächte fast als Glücksfall betrachten, wenn man bedenkt, welche schlimmen Folgen die Kolonialpolitik insgesamt vor allen in Ländern Afrikas bis heute haben. Manche optimistische Ideen und Vorschläge Bechers, die er mit anderen seiner Zeit teilte, belasten noch heute die Beziehungen der Industrieländer zu den sogenannten Entwicklungsländern. Den merkantilistisch geprägten Kolonialisten des 17. Jahrhunderts ging es ja in erster Linie darum, Rohstoffe zu gewinnen, die man dann in europäischen Manufakturen zu Fertigprodukten verarbeiten und teuer verkaufen konnte. Dieser Kreislauf, den auch Becher anstrebte, funktioniert noch heute. Zunehmend wurde z. B. Zuckerrohr in Monokulturen angebaut. Noch heute werden Kakao, Kaffee, Baumwolle in riesigen Farmen Mittel- und Südamerikas und Afrikas produziert und in Europa verarbeitet. Regenwälder werden dafür gerodet, eine Methode, die schon Becher vorgeschlagen hat. Die Frage, ob und wie die indigenen Bewohner für die Landnahme und den Raubbau an ihren Ressourcen entschädigt werden sollten, hat auch Becher nicht gestellt. Heute, wo es kaum noch Kolonien gibt, sind in den neu entstandenen Ländern die ursprünglichen Wirtschaftformen zerstört, haben internationale Konzerne das Heft fest in der Hand. Die „United Fruit Company“ (Chiquita) bestimmt z. B. einen großen Teil des Bananenanbaus und –handels in der Hand. Der Konzern ist berüchtigt dafür, dass er mit seinen Anbaumethoden die Umwelt und die Bevölkerung schädigt, Kinderarbeit zulässt, auch mit kolumbianischen rechten Paramilitärs zusammengearbeitet hat. Involviert war sie offenbar auch bei der Ermordung von demokratisch gewählten Politikern in Guatemala und Chile. Mit „cash corps“, d. h. Agrarprodukten, die ausschließlich in die ‚Mutterländer des Kolonialismus‘ exportiert werden, wird Geld gemacht, während im Herkunftsland Hunger herrscht. Mit „greenwashing“, einer PR-Methode, versucht man Kritik auszubremsen, indem man sich ein grünes Mäntelchen umhängt. Gegen den Produzenten und den Händler mit Samen- und Herbiziden, die Firma „Monsanto“, die heute vor allem mit Gentechnik verdient, laufen Prozesse wegen gesundheitlicher Schäden, verursacht durch seine Produkte. Ihm werden auch Bestechung und politische Einflussnahme in den Absatzländern vorgeworfen. Solche Konzerne sind kaum verschleierte neue Formen von Imperialismus und Kolonialismus.
An einer solchen Entwicklung war Becher natürlich nicht schuld. Das merkantilistische Denken war fixiert auf den Egoismus der jeweiligen Länder und Territorien. Die eurozentrische Betrachtung bestimmten Sichtweise und Wertung von Land und Leuten in den Kolonien. Nur bei Gelegenheit seiner Kritik am französischen Kolonialismus erwähnt Becher, dass Franzosen die Indios bedrängt hätten und man auch schlimmes Volk, Beutelschneider und Mörder, in ihren Gebieten angesiedelt hätten. Diese Aussagen Bechers stehen allerdings im Zusammenhang seiner scharfen Ablehnung eines französischen Angebots, Bayern an ihren Kolonien zu beteiligen. Eine ethische Empörung steht dahinter wohl nicht.
Zwar finden sich bei ihm Ansätze für eine humane Betrachtung der Indios und Negros. Von nachhaltigen positiven Kontakten ist aber nicht die Rede, außer, dass Indios sich gut für das Holzschlagen, die Rodung von Wald eigneten. Sklaven waren auch für Becher Handelsware, ihr Leiden scheint er nicht wahrgenommen zu haben. Erst um die Wende zum 19. Jahrhundert kam es zu mehreren Ansätzen, Sklavenhandel zu verbieten. In der Menschenrechtskonvention 1948 wurde das Verbot noch einmal bekräftigt. Dennoch, darauf wird vielfach hingewiesen, gibt es auch heute noch viele Formen einer modernen Sklaverei. Kinderarbeit, Kindersoldaten, ‚Haushaltsangestellte‘ aus Äthiopien in den Golfstaaten und Landarbeiter auf den Plantagen multinationaler Konzerne, Menschhandel zum Zwecke der Prostitution sind ihre modernen Formen. Füglich kann man auch heutige Leiharbeiter als kaum versteckte Form von Sklaverei betrachten.
Bechers Gedanken und Bemühen um eine „Hochdeutsche Kolonie“ sind aus ihrer Zeit heraus zwar interessante und genau durchdachte Projekte, denen er sich mit viel Herzblut gewidmet hat. Insgesamt sind auch seine Bemühungen um Kolonialismus Teil eines dunklen Abschnitts der Geschichte Europas mit den sogenannten Entwicklungsländern. Vielleicht ist es für uns eher gut gewesen, dass wir Deutsche so verschlafen (oder versoffen?) waren, dass uns der Gedanke an eigene Kolonien noch zweihundert Jahre lang nicht vom Hocker holte. Die kurze Zeit des wilhelminischen Kolonialismus hat noch genug Unglück bewirkt.