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Serie „Becher und die Gegenwart“: Stolz, ein Speyerer zu sein - Wegbereiter der modernen Chemie
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BERICHTE | JOHANN JOACHIM BECHER
Mittwoch, den 23. Oktober 2013 um 18:54 Uhr
In Johann Joachim Becher begegnen wir  einem der berühmtesten Naturforscher, den die Pfalz je hervorgebracht hat. Er wurde 1635 in Speyer geboren, als Sohn eines protestantischen Pfarrers, der an der mittelalterlichen St. Georgenkirche tätig war. Im Garten der Dreifaltigkeitskirche, nahe des noch erhaltenen Läutturms, erinnert heute eine würdige Gedenktafel an das Geburts- und Elternhaus von J. J. Becher.  Er starb 1682 in London und wurde auch dort beerdigt. Den Stolz, ein Speyerer zu sein, erkennt man an den Titelblättern seiner fast 50 Werke, wo er sich meist als „Römisch-Kayserlicher Majestät-Rat“ und von „Speier stammend“ bezeichnete. Seine mehrsprachigen Arbeiten waren Meilensteine auf dem Weg zur  Chemie und Pharmazie unserer Zeit.

Der heutige Begriff „Wissenschaftler“ ist auf Becher  allerdings nicht anwendbar: dem wissenschaftlichen  Barockmenschen, zeitgemäß eine „zwiespältige“ Figur, begegnet man noch zwischen magischer Alchemie und exakter Naturwissenschaft. Bei Becher lagen diese beiden  „Wurzeln“ zunächst in der damaligen Zeit  – die Gegensätze wurden aber durch seine  ganz persönliche Biographie noch verstärkt.
Denn  Becher wurde in der Tat von zwei verschiedenen „Vätern“ erzogen: der lutherische Vater starb, als der Sohn acht Jahre alt war. Der Junge besuchte das Retschergymnasium in Speyer. Er wurde in dieser  Erziehungsphase  geprägt von Leitgedanken wie „Studiren zur Aufferbauung meiner eigenen Seel“ sowie „Studiren zur Ehre Gottes“. Alle wissenschaftliche  Erkenntnis wurde dabei geleitet von der wörtlichen Interpretation der Heiligen Schrift, insbesondere dem 1. Buch Moses.  Mit dem „Weltbild“ der Schöpfungsgeschichte wurde die Entstehung von Leben und das  ganze Universum beschrieben: Der Himmel, also ein Schöpfergott, ist der Sitz von „bewegenden Kräften“, die auf der Erde alle „natürlichen“ Vorgänge hervorbringen. Soweit die eine Seite von Becher,  nämlich der „alchemistisch“ geprägte Mensch.
Die Mutter heiratet bald wieder einen schwedischen Offizier, der in Speyer als Besatzungssoldat stationiert war. Der Stiefvater eignete sich das Erbe an und zog mit seiner neuen Familie in die „Fremde“ – für den dreizehnjährigen Becher also schon sehr frühe Lehr- und Wanderjahre. Der lernbegierige Junge erfuhr, zwar unter ökonomisch widrigen Verhältnissen, bis zu seinem 20. Lebensjahr aber eine gründliche und umfassende Allgemeinbildung an wechselnden Orten: Straßburg, Breslau, Stockholm und wohl auch Venedig  begünstigten die Entwicklung zu einem vielseitigen und  „modernen“ Gelehrten! Das also zu Becher als ein Naturwissenschaftler „neuzeitlicher“ Prägung!
Der jugendliche Becher teilte sein persönliches  Schicksal mit vielen Zeitgenossen: Während und nach dem Schrecken dieses 30jährigen Krieges waren die Familien oft zerrüttet, die Menschen kämpften  um den Lebensunterhalt und sie wurden infolge  dieser barbarischen Kriegszeiten zu einem großen Teil auf einem rastlosen und wechselhaften „Lebensweg“ durch fast ganz Europa getrieben.
Becher nutzte dies  aber auch bestmöglich als eine Chance: Italien und Schweden waren damals die naturwissenschaftliche Avantgarde in Europa! Sicher haben für Becher dabei die „Naturwissenschaften“ gleichzeitig  noch an ökonomischer und technologischer Bedeutung hinzugewonnen, nämlich die „Dienstbarmachung natürlicher Vorgänge zum Wohle des Nächsten und der Gemeinschaft“ (Seelenweisheit S. 347) – und nicht nur „um der Erkenntnis willen“!
Ganz früher waren „Chemiker“ ohnehin mehr handwerklich damit beschäftigt, Edelmetalle, Edelsteine, Gläser und kostbare Farbstoffe herzustellen sowie Leder zu gerben. Zu Beginn der (naturwissenschaftlichen) Neuzeit, also in Becher’s 17. Jahrhundert, stellte sich langsam für die Chemie auch die Aufgabe, die genauen Eigenschaften der verschiedenen Stoffe und deren wechselseitige Umwandlungen zu erforschen. Eine überspitzte Konsequenz: beim Backen und Braten handelt es sich eigentlich auch um chemische Reaktionen mit Hilfe des Feuers. Daher hat Paracelsus (1493 – 1541)  die Bäcker und Köche noch zu den „Chemikern“ gezählt – und noch heute „kochen“ die Chemiestudenten ihre Analysen während des  praktischen Teils ihres  Studiums!
Johann Joachim Becher  beschäftigte sich dann „berufstätig“ schon ab 1655 mit allen Formen von Verbrennungsvorgängen; theoretisch entwickelte er dazu eine systematische Darstellung sowie eine Theorie der Mischungen und der chemischen „Verbindungen“. Heute würde man sagen, Becher versuchte dabei allgemein gültige Naturgesetze zur Beschreibung der verschiedensten Vorgänge zu finden; mit dieser Zielsetzung wurde er einer der Wegbereiter des Wandels von der alchemistischen „Hexenküche“ zur chemischen „Moderne“.  Dabei war es für ihn ein wichtiger Schritt, durch ein intensives Studium der  Materie eine Grenze zwischen organischen und anorganischen Stoffen mindestens zu erahnen. Genau so „fortschrittlich“ war es, die bei unterschiedlichen chemischen Reaktionen auftretenden Umwandlungsprodukte exakt zu analysieren und zu beschreiben, um damit möglichst allgemeine „Gesetzmäßigkeiten“ zu finden.
Es ist ganz offensichtlich, dass die „Verbrennungen“ zu Zeiten Becher’s  ganz im „Brennpunkt“ der Bemühungen gestanden haben. Dabei ging es unserem Chemiker aus Speyer technisch auch um die notwendige Entwicklung von dazu geeigneten „Hochöfen“ (Bild 1), die immerhin schon Temperaturen von knapp 1000°C erreichen konnten! Nicht umsonst hieß deshalb der große öffentliche Experimentalvortrag der J. J. Becher-Gesellschaft im vergangenen Monat im Orchestersaal des Gymnasiums am Kaiserdom „J. J. Becher und sein Spiel mit dem Feuer – von der Alchymie zur Chemie“.
Becher konnte so den  Teer aus der Steinkohle destillieren und er hat zum ersten Mal das Steinkohlegas zum Leuchten benutzt; schließlich soll Becher auch die Gewinnung von Alkohol aus Kartoffeln entdeckt und deren Anbau gefördert haben. Er  schlug 1673 vor, den Meersand mit gewissen „chemischen Zutaten“ zu schmelzen und daraus Silber und Gold zu ziehen. Die Möglichkeit der Metallerzeugung „bewies“ er, indem er Lehm mit Öl tränkte und ausglühte und das so erzeugte Eisen mit einem Magneten herauszog.
Selbst die klügsten Köpfe der damaligen Zeit  waren von der Möglichkeit einer solchen „Metallverwandlung“ (Transmutation) überzeugt und ihr größtes Bemühen war daher auf die „Silber- und Goldmacherei“ ausgerichtet. Der üble Ruf, der der Alchemie als „Quacksalberei“ anhaftet, kam erst nach ihrer Zeit zustande: Wir werden nämlich dem eineinhalbtausendjährigen Bemühen und der Gedankenwelt  dieser Alchimisten nicht gerecht, wenn wir annehmen, sie hätten ihre „naturkundlichen“  Bemühungen von vorneherein in betrügerischer Absicht begonnen!
So hatte man stets beobachtet, dass sich bei der Verbrennung von Blei und anderen Metallen in der „Asche“  immer auch eine Menge Silber vorfand. Behandelte man dieses Silber mit Salpetersäure, in der sich das Silber löst, so erhielt man wieder einen neuen Rückstand – und zwar Gold. Natürlich waren diese beiden Metalle – heute wissen wir das -  schon vorher im Bleivorhanden gewesen; den Begriff „analysenrein“ gab es damals noch nicht. Somit glaubte man, bei dem Verbrennungsprozess einen kleinen Teil des Bleis in Silber und Gold umgewandelt zu haben. Die Ausbeute von 250 g Silber betrug dabei „in aller Regel“ nur rund 0,3g  Gold – also etwas mehr als ein Promille!
Der „Stein der Weisen“ war dann jene begehrte Substanz, die eine Metallumwandlung am einfachsten, schnellsten und mit höchster Ausbeute durchführbar machen sollte. Diesen Stein herstellen zu können, wurde als ein göttlicher Gnadenakt angesehen (Bild 1 und 2). Deshalb gab es für die Alchemisten einen selbst auferlegten Moralkodex, der sie verpflichtete, ihr Wissen geheim zu halten. Das fand in der Symbolik der Alchemie ihren Niederschlag: die damals bekannten Metalle wurden mit den sieben Planetenprinzipien verbunden, so der Mars mit dem Eisen, der Saturn mit dem Blei usw. Das angestrebte Ziel ist stets Gold/Sonne, d.h. eine „ursprüngliche Selbst-Verwirklichung“ bzw. allegorisch das menschliche Herz schaffen.
Dazu hatte jeder Alchemist sein eigenes  „Rezept“ zur Herstellung dieses Steins der Weisen, oft dargestellt  in einer allegorischen  Geheimsymbolik aus der Astrologie. Meistens verbrannte man zunächst Eisen mit Antimon bei etwa 1000°C – zusammen mit einer Geheimsubstanz, deren Symbol  beispielsweise der hellste Stern im Sternbild des Löwen sein konnte, nämlich Regulus (Bild 3).  Dieses so codierte Rezept gehört mit zu den häufigsten Abbildungen zur „Herstellung“ des Steins der Weisen – dieser Stern Regulus findet sich manchmal noch „aus-gezeichnet“  in der Vorderpfote  dieses Sternbildes Löwe!
Um zum Stein der Weisen zu kommen, musste man mit Metallen,  besonders mit Quecksilber und mit Schwefel eine bestimmte Reihenfolge von Destillationen, Sublimationen, Gerinnungen, Auflösungen, Fixationen, … zusätzlich vermischt mit Salzen, Alaunen, Borax, Essig und vor allem mit Feuer durchführen. In welcher Reihenfolge diese Operationen zu geschehen hatten, das war gleichsam die offenen Frage des „Zauberstabs“  für diese Transmutation zum „lapis scientarium“, dem Stein der Weisen!
Eine der ersten „Erfindungen“ des  zwanzigjährigen Becher trug 1655  den Titel „Universallösungsmittel und Verwandlungsmittel“, bei der es sich um eine solche Metall-Transmutation gehandelt haben dürfte! Damit  erreichte unser junger Gelehrter um 1657 einen Aufenthalt  „mit Benutzung des Laboratoriums“ am kaiserlichen Hof in Wien und er gewann dort offensichtlich sofort ein  hohes Ansehen.  Zuvor opportunistisch zum katholischen Glauben übergetreten, erfolgte am 28. Juni 1660 die Ernennung zum „Mathematikus und Medikus“ am kurfürstlichen Mainzer Hof; an der Mainzer Universität wurde er  schon im November 1662 zum Dr. med. promoviert. „Medizin“ war in der damaligen Zeit die „Naturkunde“ schlechthin. Wie auch heute noch „üblich“, ging die Begabung des Dekans der medizinischen Fakultät Ludwig von Hornigk auf die seines zukünftigen Schwiegersohns über: Der junge Arzt Becher hielt  schon kurze Zeit nach seiner Hochzeit als Professor Vorlesungen in Medizin!
Becher vertrat in der Medizin die „moderne“ Auffassung, dass das Wesen der Krankheiten in einer Abweichung vom normalen Mengenverhältnis der Elemente gesehen werden muss. Der Chemie fällt dann die Aufgabe zu, zur gezielten Bekämpfung dieser Krankheiten spezifische Präparate zu entwickeln, die an die Stelle der mittelalterlichen Allheilmixturen treten sollten – „Chemotherapie“ als die Therapie schlechthin, quasi eine Verschmelzung von Medizin und Chemie! So „nebenbei“ entstand dabei auch ein in volkstümlicher Versform gehaltenes  Tier-, Kräuter- und Bergbuch mit Empfehlungen und Ratschlägen für eine einfache Gesundheitslehre und naturnaher Lebensweise. Man kann sagen, dass Becher der „Erfinder“ von „Gebrauchsanweisungen“ wurde, die sich im Volksmund weit verbreiteten – ganz im Stil der Zeit, in der noch nicht jedermann lesen konnte!
Nach seinem Aufenthalt in Mainz arbeitete Becher weiterhin als „Chemiker“ in München, dann wieder in Wien, dazwischen Mannheim, nochmals München -  bei Kurfürsten und am kaiserlichen Hof! Neue „technologische“ Erfindungen brachten ihm „fürstliche“ Einnahmen aber auch Verluste, einschließlich des Verlustes verschiedener Arbeitsplätze. So musste sich Becher immer wieder neu bewerben und „bewähren“: sein beruflicher Wanderweg führte ihn  über Holland und Mecklenburg schließlich 1679 nach London  zu Prinz Ruprecht von der Pfalz, Vetter des englischen Königs Karl II. Dort in England, Schottland und Cornwall studierte Becher die zahlreichen Bergwerke und führte  in seinem Labor in Windsor  metallurgische Experimente durch, für die er auch Patente erhielt! Darunter die Gewinnung von Leuchtgas und die Destillation von Teer, beides aus Steinkohle. Damit wurde Becher zum Wegbereiter der später bedeutenden Steinkohlen-Teerindustrie und der wichtigen Steinkohlen-Gasindustrie.
Am bekanntesten wurde J. J. Becher bei seinem „Lebenswerk“ durch eine Theorie der Verbrennungen, die später „Phlogistontheorie“ genannt wurde. Der Grundgedanke dabei war, dass die brennbaren Körper einen Stoff Phlogiston enthalten, der bei allen Verbrennungsvorgängen entweicht. Genau so erscheint es uns (als Laien) beim Verbrennen einer Kerze, von Kohle und auch Holz.  Auch beim Verbrennen von Metallen hin zu Schlacke („Verkalkung“) scheint sich ein brennbarer Stoff, das Phlogiston, vom Metall zu scheiden. Umgekehrt entsteht bei sehr hohen Temperaturen  aus dem „Kalk“ wieder das reine Metall, weil sich bei dieser „Verhüttung“ das Phlogiston  (scheinbar) mit dem Kalk  wieder zum Metall verbindet – so Becher’s Phlogistontheorie! Verbrennung bedeutet bei Becher also die Auflösung eines zusammengesetzten Stoffes in seine Bestandteile, insbesondere bei einem Metall in die „geistige“ Komponente Phlogiston und das Metalloxid  als Schlacke. Gänzlich umgekehrt zu unserem heutigen Verständnis von Oxidation, einer  „Sauerstoffzufuhr“!
Die zweifellos große Bedeutung der Phlogiston-Theorie ist darin zu suchen, dass sie die damals bekannten Verbrennungen unter einem gemeinsamen Gesichtspunkt mit einer leitenden Theorie zusammenfasste und zu erklären versuchte - zwar mit einer generell falschen Interpretation – aber doch mit einem heute gängigem „Wissenschaftskonzept“ mit dem Anspruch auf  „Analogie“, „Gesetzmäßigkeit“ und „universeller
Anwendungsmöglichkeit“! Mit der praktischen Anwendung dieser Theorie  war man lange Zeit sehr erfolgreich - bis 1789 mit Lavoisier endgültig die „moderne Chemie“ begann!
Mit allen seinen wissenschaftlichen Leistungen war J. J. Becher seiner Zeit voraus und wurde, so gesehen, der Wegbereiter für die „Chemie von heute“ –  damit der Pionier und  auch Schöpfer für unsere Wirtschaftregion mit ihren hochentwickelten Chemiestandorten!
Das alles sollte etwas verspätet zum „UN-Jahr  2011 der Chemie“ noch nach gerufen werden.