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Serie „Becher und die Gegenwart“: Wiener Werkhaus ein Technologieprojekt auch für heute
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BERICHTE | JOHANN JOACHIM BECHER
Mittwoch, den 23. Oktober 2013 um 18:56 Uhr
Von Hans-Joachim Spengler
„Geld ist ein wunderbares Ding!“ schrieb Columbus 1498 an seine Königin, „Wer dasselbe besitzt, ist Herr von Allem, was er wünscht, durch Geld kann man sogar die Seelen aus dem Fegefeuer erlösen.“ Im Zeitalter des Absolutismus bildete sich aus dieser Auffassung die Redensart „Geld ist Macht!“ Das Instrument zu Macht und Reichtum sah man mit Blick auf Frankreich und Holland in der Wirtschaftsform des Merkantilismus. Kostspielige Kriege zur Durchsetzung der Hegemonialpolitik, ein veraltetes Finanzwesen und eine wenig entwickelte Wirtschaft hat die habsburgische Monarchie im 17. Jahrhundert mehr und mehr auch auf den Weg einer merkantilistischen Staatswirtschaft gedrängt. Den Retter sah Kaiser Leipold I. (1640 – 1705) in dem Deutschen Nationalökonom Johann Joachim Becher (1635 – 1682).

Er unterstützte den Kaiser in seinen Bestrebungen und wurde der geistige Schöpfer einer neuen Handelspolitik in Österreich. 1666 gründete er in Wien das „Kommerz-Kollegium, zur  Förderung des  Handels. Die Aufgaben des Kollegiums sollten sein, dass sich die Mitglieder desselben „über den Zustand und die Beschaffenheit des Handels, der rohen Waren und Manufakturen, so herein, als hinausgehend, in Unseren Kaiserlichen Erblanden erkundigen, die Ursachen derer Auf- und Abnehmen gründlich erforschen“.
Das merkantilistische System kommt in Bechers Werk mit dem Titel „Politischer Diskurs“ (1668) zum Ausdruck.
Im Merkantilismus standen drei große Maßnahme-Gruppen zur Stärkung der Wirtschaft und damit zur Erhöhung der Steuereinnahmen im Vordergrund:
1.    Förderung der Produktion
2.    Förderung des Binnenhandels
3.    Außenhandelsüberschuss
Viele Aufgaben wurden angepackt, wie Provianthaus, Landbank, Gründung von Handelskompanien, Förderung des Verlagswesens und Gewerbes, Abschaffung von Binnenzölle, staatliche Landmagazine, Anwerbung von Fachleuten, Erhebung höherer Zölle auf eingeführte Waren und Erleichterung der Einfuhr von Rohstoffen, Errichtung einer Rentenbank, Handelsverträge mit Bayern, Italien und Holland, usw.
Zur Förderung der Produktion hatte Becher mit seiner Idee „Werkhaus“ die Erleuchtung. Werkhaus war ein Technologieprojekt, das auch in unsere Zeit passen würde. In dem Projekt ging es darum Beschäftigung zu schaffen und den Handwerkern den Stand der Technik beizubringen. Damit wurde gefördert die Errichtung einer staatlichen Manufaktur, die Verbesserung der Ausbildung, die Eingliederung aller verfügbaren Arbeitskräften in den Arbeitsprozess und damit verbunden ist der Kampf gegen Müßiggang, verbunden mit zwangsweiser Beschäftigung von Bettlern und Vagabunden.
Gegen den Widerstand der örtlichen Gewerbetreiber wurde das fortschrittliche Projekt mit Segen des Kaisers durchgesetzt.
Die Erbauung des Hauses fand auf dem Grund und Boden des Hofkammerpräsidenten, des Grafen Sinzendorf, auf dem Tabor bei Wien statt. Dieses Kunst- und Werkhaus enthielt:
•    Das große chemische Laboratorium mit verschiedenen Destillier- und Schmelzöfen. Dort wurden die für die chemische Hauptproduktion notwendigen Salze und Spiritusse erzeugt.
•    Die Werkstatt zur Erzeugung des Majolikageschirrs, das „sauber, fein und dünn“ gearbeitet und blau bemalt wurde. Aus dem Material konnte auch Ofen- und Kaminplatten und verschiedene Hausgeräte erzeugt werden.
•    Die Apotheke, um gute Medizin zu niedrigen Preisen herzustellen.
•    Eine Werkstatt zur Herstellung guter Hausgeräte aus einer von Becher gefundenen Metalllegierung von weißer Farbe.
•    Die Seidenmanufaktur, die mit drei Bandmühlen betrieben wurde.
•    Die Wollmanufaktur, die den Hauptzweig aller Manufakturen darstellte.
•    Diese Manufakturen wurden in dem eigentlichen Kunst- und Werkhaus mit Oberstock betrieben. Es wurden auch die geeigneten Räume für die Werkstätten sowie die Wohnungen, Küchen und Nebengelasse der Arbeiter vorgehalten. Außer dem Hauptgebäude umfasste die Anlage noch das Wohnhaus des Direktors, das „Schellenbergische Schmelzwerk“ und die „venetianische Glashütte.
•    Außerdem befanden sich auf dem Gelände noch ein Brunnen und ein Teich. Der Brunnen stellte sich nach Bechers Behauptung als ein Sauerbrunnen dar, der auch zur Herstellung von rechtem Salpeter verwendet werden konnte.
•    Es wurden auch eine Galerie zum Verkauf der Waren und Zimmer für eine Färberei und Plätze für Weberei, Malerei und Tapeziererei vorgehalten.
Die detaillierte Beschreibung spricht dafür, dass Becher nach damaligen Begriffen „großindustriell“ zu nennende Unternehmen geplant hatte.  Das Pilotprojekt auf dem Tabor sollte eine Lehrwerkstätte für die gesamten inländischen Gewerbetreibenden sein, gleichzeit8ig aber auch Lehranstalt für Landeskinder. Becher nennt das Werkhaus  „ein Schulhaus oder Seminarium zur Introduktion der Manufakturen“.
Mit dem Werkhaus hat man es vor allem auf Einführung der Farbenmanufaktur, Bereitung der Majolika, Verstärkung der Weine, Zeitigung der Metalle, vorteilhafte Gold- und Silberscheidungen, Wollspinnerei und Weberei in Zeugen, die es bisher im Lande noch nicht bekannt waren abgesehen.
Ausländische Arbeiter wurden aus England, Holland und Italien berufen, die die neuen Industriezweige und neue Verfahren einführten um der arbeitenden Inländischen Bevölkerung  Anleitung zu geben.
Mit Bechers Tätigkeit war also ein vollständiger Wechsel in  der österreichischen Handelspolitik eingetreten. Man ging von folgenden Sätzen aus: Das Ziel der Länder ist die Wohlfahrt der Bevölkerung und die Macht des Fürsten. Dies kann nur erreicht werden, wenn der Reichtum des Volkes steigt. Der Handel ist der Erzeuger des Reichtums, aber nicht der Binnenhandel, der nur in die Tasche steckt, was er aus der anderen genommen hat, sondern der Außenhandel, der für  inländische Waren Geld aus dem Auslande ins Inland bringt und des Landes Reichtum vermehrt. Dadurch werde eine günstige Handelsbilanz erreicht.
Mit dem neuzeitlichen Pilotprojekt „Werkhaus“ war Becher seiner Zeit weit voraus. Die verkrusteten Handels- und Gewerbe-Strukturen im Habsburgerland standen der erfolgreichen Umsetzung entgegen. Als der kurzfristige Erfolg noch ausblieb stellten sich leidliche finanzielle Schwierigkeiten ein. Letztlich vereitelte die Selbstsucht einzelner, die mit der Ausführung beauftragt waren, die gedeihliche Ausgestaltung des Werkhauses. Kaiser Leopold I. hat die Einrichtung wohl begünstigt, aber leider nicht mit den nötigen Mitteln ausgestattet. Nach vielen Querelen wurde die Aufsicht dem Obersthofmarschallamt unterstellt, aber trotz gemachter Versprechungen wurden keine öffentlichen Gelder investiert.
Am 15.10.1676 kam ein aus den genannten Gründen für Becher höchst ungünstiger Vertrag zustande: Künftig sollen nur noch die Wollindustrie und das Schmelzwerk gefördert werden. Diesen Einschnitt in das zukunftsweisende Pilotprojekt wollte Becher nicht akzeptieren. Becher verließ im Dezember im Zorn den Hof in  Wien.
1683 ist das Werkhaus im Türkenkrieg abgebrannt und wurde nicht wieder aufgebaut.
Johann Joachim Becher hat in seinem Tagebuch (siehe: Carl Böhret, „Virtuelle Tagzettel“, Seite 71) festgehalten: (Man darf eben)…. nicht alle Spekulanten für Gecken und Narren halten, als welche einen Sparren zu viel haben, sondern man muss wissen, dass durch solche Leute der Welt großer Nutzen und Dienst getan worden…. und dass sie damit ihre Mühe, Zeit und Geld verloren, nur (weil) sie dem gemeinen Wesen dienen möchten…. So sei nichts unversucht, wenn’s nur einige Raison verspricht.
So will ich auch weiterhin handeln und muss wohl hinnehmen, dass auch der bestraft wird, der zu früh kommt!“