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Serie "Becher und die Gegenwart": Das 17. Jahrhundert - Eine Epoche des Aufbruchs
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BERICHTE | JOHANN JOACHIM BECHER
Mittwoch, den 23. Oktober 2013 um 18:59 Uhr
Von Hans-Joachim Spengler
In einer Artikelserie dieser Wochenzeitung war über das Leben und Wirken des Speyerer Universalgelehrten Johann Joachim Becher zu lesen. Nachstehender Beitrag ist ein Versuch das 17. Jahrhundert zu beschreiben um  Bechers Lebenslauf nachzuempfinden. Die Geschichte Europas im 17. Jahrhundert ist für einen Historiker einer der spannendsten Zeitabschnitte. Geprägt wurde die Geschichte in diesen hundert Jahren durch Ereignisse und Namen wie: Reformation, dreißigjährigen Krieg,  Pest und Hungersnöte, Niedergang von Spanien, Goldenes Zeitalter der Vereinigten Niederlande, englische Revolution, Ludwig der XIV, Pfälzischer Erbfolgekrieg und Zerstörung von Speyer, Türken vor Wien, Absolutismus, auch Weltmagie und Hexenglaube, kleine Eiszeit aber auch durch wirtschaftlichen Aufschwung, Verbesserung der Lebensbedingungen, Erfindungen und Entdeckungen, Aufklärung, Einführung der allgemeinen Schulpflicht, Kolonisierung, Medium Zeitung, Aufkommen der Naturwissenschaften und besonders durch viele Persönlichkeiten, wie u. a.  Johann Sebastian Bach, Francis Bacon, Gottfried Leibnitz, John Locke , William Shakespeare, Galileo Galilei, Rembrandt van Rijr und  für uns Speyerer der Polyhistor Johann Joachim Becher.

Die vorangestellten Schlagworte beschreiben eine Epoche des fundamentalen Wandels - einer Übergangsgesellschaft. Nach Prof. Böhret sind Übergangsgesellschaften dadurch beschreibbar, dass sich in ihnen mehrere konstitutive (bestimmende) Merkmale so verändern, dass die bisher geltende Produktions- und Lebensweise sich allmählich, fundamental und irreversibel wandelt.
Eine solche Epoche des fundamentalen Wandels war das 17. JH. Die Wegbereiter waren im Wesentlichen folgende Hauptursachen:
Die Kriege In diesem Jahrhundert wurden in Europa insgesamt 22 Kriege geführt. Davon war die größte Katastrophe in Deutschland der 30-jährige Krieg. Um 1600 mögen in Deutschland  um die 20 Mill. Einwohner gelebt haben. Die Verluste durch Krieg, Elend, Hunger und Krankheiten (Hauptrolle spielten Pest und Typhus) werden auf 45 % geschätzt; allein die Pfalz am Rhein hat über 50 % seiner Bevölkerung verloren.
Die Armut und der Hunger
Das Wetter spielte verrückt, bis hin zur klimatischen Katastrophe, die in die Geschichte als „Kleine Eiszeit“ eingegangen ist. Die Natur sorgte dafür, dass sich die Krisen verschärften. Seit 1570 gingen die Temperaturen stetig zurück. Die Sommer waren in aller Regel nass und kalt, die Winter oft extrem lang. Die daraus resultierenden Missernten wirkten sich brutal auf die Bevölkerung aus. Hungersnöte und Verarmung der Zivilbevölkerung, die mehrheitlich auf dem Lande lebte, waren die Folge.
Die Religion
Der 30jährige Krieg gilt als ein Krieg zwischen Christen; hier Katholiken, da Protestanten. Und jede Partei hätte für sich reklamieren können, einen gerechten Krieg geführt zu haben, wie der Kirchenvater Augustinus definierte: „Gerecht“ war ein Krieg immer dann, wenn er des Seelenheils wegen geführt wurde.
Das politische System
Das Deutsche Reich war eine Zweckgemeinschaft autonomer Stände, Staaten und Städte unter der Lehens- und Oberhoheit des Kaisers. Dem Kaiser waren die Aufgaben der Außenverteidigung und die Friedens- und Rechtsbewahrung des Landes zugeordnet. Durch den Rückzug der protestantischen Bewegungspartei anlässlich des Regensburger Parteitages (1608) und durch die Bildung der „Protestantischen Union“ wurde die Ausgleichsfunktion des Kaisers lahmgelegt. Auf dem erneuten Reichstag in Regensburg (1618) ist das Pulverfass explodiert, der 30jährige Krieg begann.
Während der Krieg das Reich und die Macht des Kaisers im Reich geschwächt hatte, kamen neue Mächte auf: im Westen Frankreich, England und Holland, im Osten Russland, im Südosten das Osmanische Reich. Innerhalb des Reiches wurde vor allem Brandenburg stark, aber auch Bayern, Sachsen, Württemberg, Braunschweig und Mecklenburg gewannen an Macht – sie waren souverän und durften eigene Außenpolitik machen. Das Heilige Römische Reich, einst von den deutschen Kaisern des Mittelalters geschaffen, war durch den Westfälischen Frieden 1648 zu einem lockeren Verband herabgesunken, der über 300 Territorien umfasste, ein Sammelsurium von Herzogtümern, Bistümern, Reichsgrafschaften, geistlichen Fürstentümern, Reichsstädten, Reichsstiften, Landgrafschaften, Kurfürstentümern.
Dieses Jahrhundert war aber auch die Zeit der Aufklärung. Die Epoche was besonders durch das Bestreben geprägt, das Denken mit den Mitteln der Vernunft von althergebrachten, starren und überholten Vorstellungen, Vorurteilen und Ideologien zu befreien und Akzeptanz für neu erlangtes Wissen zu schaffen.
Der geisteswissenschaftliche Hintergrund dieser Epoche kann beschrieben werden mit
•    Zunahme einer diesseitsorientierten, aufgeklärten Denkweise, d. h. der Verstand verdrängt metaphysisches Gedankengut,
•    Die experimentelle Naturwissenschaft wird begründet; prominente Vertreter waren u.a. Galileo Galilei, Johannes Keppler, Isac Newton und Johann Joachim Becher sowie
•    Nicole Marchiavelli. Er legte mit seinem Werk „Il Principe“ (Der Fürst) das theoretische Fundament für das absolutistische Herrschaftssystem. Der Fürst ist von ethischen Grundsätzen und Skrupeln befreit, um die Uneinigkeit des Volkes zu verhindern. Ausdruck war: Reichtum = Macht.
Der politische und wirtschaftliche Hintergrund wurde geprägt durch die Ablösung des alten Ständestaates mit weitgehender Selbstverwaltung in Städten und Kreisen in zentrale landesherrliche Verwaltungen. Der Absolutismus mit seinen monarchischen Gottesgnadentum, seinem Expansionsdrang und seinem Bedürfnis nach Repräsentation stieg auf. Das Europa jener Jahrzehnte war das Europa Ludwigs XIV. (1638 – 1715), eines Königs, der den das  Staatsinteresse betonenden Vorsitzenden des Parlaments unterbrach: „Was heißt Staat, Monsieur? Ich bin der Staat!“ Ein berühmtes Wort, das in klassischer Verkürzung das Zeitalter des Absolutismus kennzeichnet.
Frankreich wurde größte Macht in Europa. Die Schweiz und die Niederlande wurden selbstständige Staaten und England enthauptet seinen König Karl I. wegen Hochverrats am Parlament und wird unter dem ersten europäischen Diktator Cromwell zur Republik. In Wien regierte der fromme Kaiser Leopold I. (1640-1705) der sich in der offiziellen Propaganda als „Verteidiger der europäischen Freiheit“ durch seine Kriege gegen Frankreich und das Osmanische Reich feiern ließ.
Für die Kirchenfürsten und die regierenden Könige und Fürsten galt es die Menschen festzuhalten oder zurück zugewinnen, ihre Augen durch Entfaltung von Prunk und Pracht zu fesseln. Sie benutzen die Barockkunst, um ihren Reichtum und ihre Macht zu zeigen. Versailles, das Prunkschloss Ludwig des XIV, wurde das Vorbild für eine Vielzahl von Schloss- und Kirchenbauten, deren Bedeutung durch die geometrisch gestalteten Gärten- und Stadtanlagen (z. B. Schlösser von Versailles, Mannheim, Schwetzingen, Karlsruhe oder Karlskirche/Wien, Klosterkirche/ Melk) unterstrichen wurde.
Das Jahrhundert war aber auch ein Jahrhundert enzyklopädischer Bestrebungen (Darstellung des gesamten Wissens). Man wollte alle Kenntnisse auf sämtlichen Gebieten zusammentragen, am liebsten die ganze Welt abbilden.
In dieser Zeit kamen die Naturwissenschaften auf. Man lernte die naturwissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnisse in mathematische Formeln als Naturgesetze auszudrücken was zu einem Aufschwung der Mathematik als „rationaler“ Wissenschaft führte. Auch wurde der Rationalismus durch die Erfindung der Buchdruckkunst und die Entdeckung Amerikas befördert.
Um die Menschen damals zu verstehen muss man auch wissen, dass das 17. Jahrhundert mit apokalyptischen Phantasien besetzt war. Als am 07. November 1492 der Meteorit „Der Donnerstein von Ensisheim“ bei Ensisheim im Elsass fiel, reiste sogar Kaiser Maximilian I. eigens dorthin um Gericht über den Donnerstein abzuhalten.
Man legte den Meteoriten als Vorzeichen des Obsiegens von Maximilian über Frankreich aus.  Die Bevölkerung allgemein huldigte der „schwarzen Magie“, mit dem Höhepunkt des Hexenwahns; die Opfer vom 13. Bis in das 18. Jahrhundert werden auf ca. 9 Millionen geschätzt. Der Höhepunkt der Verfolgung war im 17. Jahrhundert. Auch muss man wissen, für die Zeitgenossen war der Tod nicht nur Ende, sondern immer auch Anfang. „Im sterblichen Menschen steckt ein unsterblicher Mensch, es steckt noch ein Kerl in dem Kerl“, hieß es in einer Redeweise (Münch, Lebensformen, s. 481)
In der Mitte des 16. Jahrhunderts lebten in Europa ca. 125 Mio. Menschen, in  Frankreich 22,6 Mio., England 4,9 Mio., Holland 1,9 Mio. Italien 13,6 Mio. und Deutschland 11,0 Mio. Nach dem 30-jährigen Krieg konnte in Deutschland bis 1700 ein Aufwuchs auf ca. 16 Mio. verzeichnet werden. Das spiegelt auch einen wirtschaftlichen Aufschwung und Wohlstandsverbesserungen in der zweiten Jahrhunderthälfte.

Kurzbiographie von Johann Joachim Becher
Johann Joachim Becher (geb.1635 in Speyer, gest.1682 in London) wurde in das
17. Jahrhundert hineingeboren. So hektisch wie der Zeitverlauf war auch Bechers Lebenslauf.
Er spielte auf allen Instrumenten der Wissenschaft seiner Zeit: Medizin, Theologie, Mathematik, Physik, Chemie und Mineralogie waren seine Gebiete. Auch handwerkliche Fähigkeiten hatte er sich neben seinen wissenschaftlichen Studien angeeignet, und sie halfen ihm bei seinen zahlreichen mechanischen-technischen Erfindungen. Die handwerklichen Tätigkeiten brachten ihn wiederum nach eigenen Aussagen zu Überlegungen über das damals bestehende Zunftwesen und dadurch zu Wirtschafts-, Finanz- und Verwaltungsfragen, so dass sich in seinem Geiste bald außerordentliche Begabung für kameralistische Dinge entwickelte, was sich auch in mehreren umfangreichen Werken niederschlug, die ihn weit bekannt machten.
Mehr darüber erfahren Sie in den weiteren Folgen über den Vielfachgelehrten Johann Joachim Becher in der Wochenzeitschrift „Durchblick“

Informationen zum Autor

Hans-Joachim Spengler ist 1944 in Oranienburg geboren. Ehemals Vorstand der PFW Aerospace AG in Speyer. 1. Vorsitzender der Johann Joachim Becher-Gesellschaft. Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz.