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Serie „Becher und die Gegenwart: Ein Speyerer erhellt die Nacht - Universalgenie entwickelte das Leuchtgas
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BERICHTE | JOHANN JOACHIM BECHER
Mittwoch, den 23. Oktober 2013 um 19:00 Uhr
Von Dr. Martin Hussong
Im Sommer 1968 wurde Speyer für mich und meine Familie zur neuen Heimat. Vor dem Umzug galt es aber die Mietwohnung in der Stadt gründlich zu renovieren. Die Sommerferien mussten dafür herhalten. Alle elektrischen Leitungen mussten erneuert und unter Putz gelegt werden. Das Haus war eben alt, unter den Tapeten tauchten Zeitungen aus dem Jahr 1906 als Makulatur auf. Irritierend waren Rohre, die über dem Putz an die Decken führten. Das Rätsel war aber bald gelöst: Es handelte sich um Rohre, die ehemals der Gasbeleuchtung dienten, offensichtlich aber schon lange nicht mehr benötigt wurden.

Stadtgas bzw. Leuchtgas war irgendwann vor Jahrzehnten schon von der Elektrizität abgelöst worden. Wir waren erleichtert, denn aus unserer Kindheit hatten wir noch Erinnerungen an den Geruch, der beim Anzünden eines Gasherds verströmte. Immer wieder wurden wir Kinder vor den Gefahren des Gasherdes gewarnt. Später las ich öfter in Zeitungen, jemand habe „den Gashahn geöffnet“, um seinem Leben ein Ende zu setzen. Weiter erinnere ich mich an riesige Gaskessel in den Städten Kaiserslautern und Ludwigshafen, die heute weitgebend verschwunden sind oder die anderen Zwecken dienen. Der große Gaskessel in Oberhausen z. B. ist heute ein gut besuchtes Kunst- und Ausstellungszentrum.
Natürlich habe ich irgendwann in der Schule erfahren, dass es das Kohlenmonoxid ist, das Leuchtgas so gefährlich macht. Es ist Bestandteil des Gases, das bei der Destillation von Kohle entsteht.
Dass dieses Verfahren von Johann Joachim Becher entdeckt worden war, einem der vielfältigst tätigen Universalgelehrten, 1635 in Speyer geboren, habe ich erst vor wenigen Jahren erfahren: In der kleinen Ausstellung im Becher-Haus, das von der Johann Joachim Becher-Gesellschaft betrieben wird, kann man eine Darstellung des Verfahrens, das Becher in London ca. 1680 verwendet hat, betrachten. Um Verdächtigungen und Intrigen, die ihm in Wien entgegengeschlagen waren, zu entgehen, hatte es ihn zunächst nach Holland und dann 1679 nach England gezogen. Dort führte Henry Dickinson, Alchimist und Leibarzt des Königs, Becher in Wissenschaftlerkreise ein, verhalf ihm sogar zu einem eigenen Laboratorium.
In seiner Schrift „Närrische Weißheit und weise Narrheit“ beschreibt Becher, wie er schon in Holland versucht hatte, aus Torf Kohle (gemeint ist wohl Koks) und Teer herzustellen. Das Ergebnis habe allerdings wenig getaugt. Jetzt, mit englischer Steinkohle, habe er „aber einen Weg gefunden / nicht allein beyde (= Torf und Steinkohle) zu guten Kohlen zu brennen / die nicht mehr rauchen noch stincken / sondern mit den Flammen darvon (später Koks genannt) so staerck zu schmeltzen / als mit dem Holtze selbsten / und so eine grosse Extension ( Ausbreitung) der Feuer-Flammen /  daß ein Schuh (Längenmaß ‚Fuß‘) solcher Kohlen 10 Schuhe lange Flammen machen.“
Dickinson vermittelte Becher sogar eine Vorführung seines Versuchs vor dem König. Im März 1881 erhielt er daraufhin mit Henry Serle, einem Kollegen, über den nichts weiter zu erfahren war, ein königliches Patent. Es garantierte den beiden für 14 Jahre die alleinige Nutzung der Erfindung „für einen neuen Weg zur Herstellung von Pech und Teer aus Steinkohle niemals zuvor entdeckt und von anderen gebraucht“.
Mit seiner Erfindung schließt Becher an ein in seiner Zeit weit verbreitetes Interesse an dem Phänomen Gasen an. Ein anderer Universalwissenschaftler, der Niederländer Johann Baptist van Helmont, hatte 1609 in seinem Buch „Ursprünge der Medizin“ beschrieben, er habe entdeckt, dass aus erhitztem Holz und Kohle ein „wilder Geist“ ausströmte. Diesen nannte er ‚Gas‘, eine Bezeichnung, die er wahrscheinlich von dem im Holländischen ähnlich klingenden Wort ‚Chaos‘ abgeleitet hatte.
Von Beginn seiner Experimente an hatte Becher einen praktischen Nutzen im Auge. Es ging ihm um einen neuen verbesserten und effektiveren Brennsroff. Aus Bechers ‚Kohle‘ wurde später die Koksherstellung in großem Stil. Vor allem in der Stahlproduktion spielt Koks noch heute eine bedeutende Rolle. Die Gewinnung von Teer, zuerst für die Verpichung von Schiffsplanken gebraucht, wurde zur Voraussetzung für die chemische Fabrikation von Teerfarben. Im Grunde ist also Becher auch der ‚Vater‘ der Farbenindustrie, die ja in unsere Nähe, auch die Grundlage für die  der BASF wurde. Für die Entdeckung des Leuchtgases sah Becher selbst wohl zunächst noch keinen praktischen Nutzen. Vielleicht deutete er das Leuchtgas in Zusammenhang seiner alchemistischen Versuche, denn Destillation war eine der wichtigsten Methoden bei der für die Alchemie grundlegende Trennung der aus verschiedenen Teilen zusammengesetzten „unterirdischen Elemente“. Auf diesen Zusammenhang weist, dass Becher gelegentlich sein brennbares Gas „philosophisches Licht“ nannte. Dieser Begriff war bei der Herstellung des „lapis philosophorum“, d. i. des „Steins der Weisen“ bedeutsam. Gerade dieser alchemistische Ansatz wurde aber zum Markstein in der Geschichte der Chemie. Aus dem kontrollierten Experiment und der theoretischen Deutung der Ergebnisse entwickelte sich die Chemie als Wissenschaft. Von Bechers Beobachtungen ausgehend, dass nämlich bei der Destillation ein Gas entweiche, entwickelte kurze Zeit später Georg Ernst Stahl die sogenannte Phlogistontheorie. Das Phlogiston sah er als etwas Gasförmiges, das in Stoffen enthalten sei und Verbrennung erst möglich mache. Auf der Basis dieser Theorie konnten in der Chemie neue Erkenntnisse bei der Isolierung z. B. von Säuren und Basen gewonnen werden. Als 1785 Lavoisier den Sauerstoff entdeckte, wurde die Existenz eines Phlogistons allerdings widerlegt und abgelöst.
Es dauerte mehr als hundert Jahre, auch Leuchtgas praktisch genutzt werden konnte. Im Jahre 1792 experimentierte der schottische Erfinder und Ingenieur William Murdoch, wie man das aus Kohle gewonnene Gas durch Röhren leiten konnte. Das machte es ihm möglich, seine eigene Gießerei zu beleuchten. Wenige Jahre später gelang es ihm, eine ganze Fabrik zu erhellen. Auch Versuche mit Straßenbeleuchtung beschäftigten Murdoch. Der hauptsächlich in England und Paris tätige Braunschweiger Friedrich Albert Winsor (ursprünglich ‚Winzer‘) erhielt 1804 von König Georg III von England das Privileg um Gas zur Städtebeleuchtung zu verwenden.
Bessere Destillations- und Reinigungsverfahren, neue Brenner, die Glühstrümpfchen, große Überlandleitungen und Aufbewahrungstanks entstanden im Verlauf des 19. Jahrhunderts und wurden ständig verbessert. Eine neue Großindustrie war geboren. Mit ihr waren die Erzeugung von Stadtgas, Heizsysteme, Kochherde und die Beleuchtung von Wohnungen, ja ganzer Städte in großem Umfang möglich geworden. Das waren wesentliche Voraussetzungen für ein Leben in der Gesellschaft des technischen Zeitalters der Moderne geschaffen.
Dass Becher der Erfinder des Stadtgases sei, hat in Speyer der städtische Gasmeister Konrad Ullrich im Jahre 1932 in einer Broschüre dargelegt. „Becher ist der eigentliche Erfinder der Gasbeleuchtung, denn alle, die nach ihm kommen, haben auf seiner Lehre aufgebaut und weitergearbeitet.“ Inwieweit dieses Urteil vom Lokalpatriotismus des Speyerer Gasmeisters geprägt ist, bleibt offen. Das Leuchtgas ist jedenfalls eine der Entdeckungen Bechers, die zu seiner Zeit kaum beachtet, später aber einen großen Industriezweig zur Folge hatte, ohne dass man sich des Mannes, der die ersten Schritte getan hat, erinnerte. Eine seiner letzten, in England entstandenen Schriften trägt den Titel »Närrische Weißheit Und Weise Narrheit: Oder Ein Hundert so Politische alß Physicalische Mechanische und Mercantilische Concepten und Propositionen.« Im ersten Teil hat der Autor „Concepte“ versammelt, „welche dem euserlichen Ansehen nach närrisch, irraisonnable und ohnmöglich geschienen, dennoch in praxi wohl succedirt, und mit Nutzen reussiret.“ In die närrischen ‚Concepte‘ ordnet er unter Nr. 36 seine „Invention von Feuer/Kohlen und Theer“ ein. Trotz einer guten Portion Skepsis hat – allerdings lange nach seinem Tod – Bechers „Invention“ letztlich doch reüssiert. Und bis über die  Mitte des 20.Jahrhunderts hinaus sind die Zimmer unserer Speyerer Wohnung mit Licht aus Bechers Leuchtgas erhellt worden.
In Speyer ist es heute eine der Hauptaufgaben der Becher-Gesellschaft, die Leistungen dieses bedeutenden Universalgelehrten zu erforschen und wieder ins rechte Licht zu rücken.

Erdgas statt Leuchtgas
Längst wurde das „Leuchtgas“ durch Erdgas ersetzt, das zusammen mit anderen fossilen Stoffen auch zur Erzeugung von Elektrizität benutzt wird. Rohre an der Decke sind überflüssig geworden. Bis vor kurzem schien es, dass die Nutzung von Atomstrom das Zeitalter des Gases im Alltagsgebrauch überhaupt beenden könnte, auch Kohlekraftwerke schienen wegen der hohen CO2Emission veraltet. Mehr und mehr geriet aber auch die Atomkraft in Verruf. Biogas schien die Lösung, vor allem im Zusammenhang mit Blockheizkraftwerken. Jedoch auch dagegen melden sich Bedenken, die Energiebilanz sei doch nicht so gut, wie man zunächst angenommen hat. Jetzt kommt eine Technik ins Spiel, die sich mit Recht auf Becher berufen könnte und die längst ad acta gelegt schien: Der alte Holzvergaser der Kriegs- und Nachkriegszeit, allerdings mit erneuerter Technik. Dieser Tage hat der SWR von einem Projekt der Stadtwerke Pirmasens berichtet: Herzstück des Energieparks soll ein Holzvergaserkraftwerk werden. Darin wird Holz auf 500 bis 800 Grad erhitzt. Es fängt an zu schwitzen. Aus 100 Kilo Holz entstehen etwa 40 Kubikmeter Holzgas, ein Gemisch aus Wasserstoff, Kohlenmonoxyd und Methan. Übrig bleibt Holzkohle. Der Wirkungsgrad des Verfahrens liege bei 80 Prozent.
Die Speyerer Becher-Gesellschaft könnte nicht ohne Stolz vermelden: Bechers Leuchtgas strahlt wieder, wenn auch nicht vor Ort sondern in Pirmasens.

Informationen zum Autor
Dr. Martin Hussong ist 1939 in Kusel geboren, seit 1966 war er zunächst Referendar, dann Lehrer für Deutsch und ev. Religion am Friedrich-Magnus-Schwerd-Gymnasium, später auch Fachleiter am hiesigen Studienseminar. Lange Jahre war er Mitglied im Speyerer Stadtrat, einige Jahre auch Vorsitzender des Stadtverbands der SPD. Nach dem Eintritt in den Ruhestand zog er sich aus dem Stadtrat zurück. Heute engagiere sich Hussong noch im Presbyterium der Christuskirche Speyer-Nord, leitet einen Literaturkreis des Seniorenbüros und ist Mitglied der Johann Joachim Bechergesellschaft.