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Serie Becher und die Gegenwart: Als Politikberater ideenreich, findig und anwendungsorientiert - Bestraft dafür, dass er seiner Zeit voraus war
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BERICHTE | JOHANN JOACHIM BECHER
Mittwoch, den 23. Oktober 2013 um 19:01 Uhr
Von Professor Carl Böhret
 J.J. Becher lebte in einer Zeit des Aufbruchs, in einer Übergangsgesellschaft, in der neue Ideen und Projekte entstanden und unterstützende Institutionen gegründet wurden. Wissenschaft, Technologie und Ökonomie entwickelten sich aneinander, wobei vielfältige Innovationen entstanden.  Die „Politik(er)“ – die Regierungszentralen -  hatten enormen Beratungsbedarf, auf vielen Gebieten gleichzeitig. Gesucht wurden dafür fachlich qualifizierte und umsetzungserfahrene Helfer. Für diese wiederum waren Anstellungen „bei Hofe“ oder Projekt-Aufträge sozioökonomisch und positionell („Ansehen“) erstrebenswert.

Ratsuchende und Ratgeber fanden  „interessengeleitet“ zusammen. Die neuen Berater waren nicht mehr die „Hofnarren“ von früher, sondern oft wissenschaftlich und technologisch vorgebildete Experten. In diesem Milieu bewegte sich auch J.J. Becher als ideenreicher, findiger und anwendungsorientierter Politikberater, basierend auf besten Kenntnissen auf vielen Gebieten (Polyhistor) und mit dem Anliegen, dem Gemeinwesen zu dienen.
Die wichtigsten Formen der Beratung waren – wie heute – Projektvorschläge und Gutachten. Entweder im Auftrag der Politik oder als beraterseitige Empfehlungen. Immer ergänzt um persönliche Beratung der Entscheidungsträger („Coaching“). Erkundungs- und Verhandlungsreisen waren Bestandteil des Beratungsgeschäfts, J.J. Becher war – im Auftrag der Politik(er) – in Europa unterwegs (vorzugsweise in Holland). Zu seinen hervorragenden Projekten gehört das Werkhaus als synergetische Produktions- und Ausbildungsstätte; beachtenswert auch das transportfähige chemische Laboratorium, die optimierte Schiffsmühle, neue Ansätze zur effizienten Energiegewinnung, Kanalverbindungen, Verschlüsselung der Sprachen, Gründung von Kolonien u.a.m. 
Hinzu kamen viele Vorschläge und Gutachten, so zur Besteuerung, zur Gesundheitsversorgung, zur Einwanderung (qualifizierter) Arbeitskräfte, zur breit angelegten Ausbildung, zur Ordnung und inneren Entwicklung des Gemeinwesens (Beispiel: Mainzer Policeyordnung). Hingewiesen werden darf auf ein Konzept für die allseitige Entwicklung Mannheims einschl. der Errichtung eines „Didaktischen Kollegs“ (für den Kurfürsten Karl Ludwig v.d. Pfalz), für die technisch-ökonomische Ausnutzung des Erdinger Moores (Kurfürst v. Bayern), für die Einrichtung von speziellen Manufakturen (u.a. für den Fürstbischof J.G. von Guttenberg).
Wichtige Beiträge lieferte Becher zur Modernisierung von Regierung und Verwaltung, z.B. durch die Einrichtung von Fachministerien mit Aufgabenzuteilung und Besoldungsreform. Die Errichtung von speziellen Institutionen zur Wirtschaftsberatung (Kommerzkollegien) demonstriert  auch die Becher´sche Erkenntnis, dass die Institutionalisierung von Beratungsgremien für ein erfolgreiches  Umsetzen der Ideen und Empfehlungen unabdingbar sei.
Wie auch noch heute, war die persönliche Beratung der Entscheidungsträger besonders wichtig; das klappte hinreichend gut in Mainz, in Mannheim, in München (v.a. Kontakte zu Kurfürstin Henriette Adelheid), in Hanau (Graf Friedr.Casimir),  in Wien (Kaiser Leopold I. und hochrangige Politiker und „Gönner“) und dann in London (König Karl II.).
Nach alledem war Becher im heutigen Verständnis ein Vertreter der pragmatistischen Politikberatung: hergestellt wird ein wohlwollendes Wechselverhältnis zwischen Ratsuchendem und Berater, bei dem diskursiv Möglichkeiten und Schwierigkeiten erörtert und Umsetzungschancen gesucht werden. Der Berater ist immer auch Handelnder, Ratgeber „in Aktion“. Dabei musste Becher lernen, dass die kreativen Ideen des Wissenschaftlers wie des Projektemachers nur selten problemlos gegen die Interessen und Bedürfnisse des Entscheidungsträgers und dessen Umgebung zu verwirklichen waren. Was ihn oft ärgerte, denn er war von der Fortschrittlichkeit und gesellschaftlichen Nützlichkeit seiner Ratschläge überzeugt, und viele wurden ja später realisiert. So aber wurde er oft genug dafür bestraft, dass er zu früh kam.
Aber auch als Politikberater gab er nie auf, blieb von den Ideen und Projekten überzeugt, reagierte oft hartnäckig, das schuf immer wieder mächtige Gegner. Ralf Dahrendorf hat wohl recht: Berater waren und sind Grenzgänger. Sie entziehen sich sowohl der Banalität der Politik als auch der Einsamkeit der Wissenschaft. Das macht das Ratgeben so schwierig und zugleich so notwendig.

Informationen zum Autor
Prof. Dr. Carl Böhret (geb. 1933 in Bad Friedrichshall/Württ). Mechanikerlehre. Tätigkeiten in der Industrie. Studium der Politik- und Wirtschaftwissenschaft (Dr.rer.pol.). Forschung in den USA. Habilitation. Lehrstuhl (Pol.Wiss.) an der FU Berlin, seit 1975 DHV Speyer. Rektor (1989/91). Mitarbeit in Beiräten und Kommissionen. Mitgründer der J.J. Becher-Gesellschaft; zeitweilig deren Vorsitzender. Zahlreiche Veröffentlichungen. Verdienstmedaille der Stadt Speyer, Bundesverdienstkreuz. Wissenschaftspreis 2004 der Stiftung f.d. Deutsche Wissenschaft.