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Johann Joachim Becher und der Merkantilismus als wirtschaftspolitisches System
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BERICHTE | JOHANN JOACHIM BECHER
Mittwoch, den 23. Oktober 2013 um 19:08 Uhr
Von Dr. Christian Roßkopf
„Die Zockerei geht weiter“ - Unter dieser Überschrift beschreibt Andreas Oldag in der Süddeutschen Zeitung vom 12.9.2011, wie trotz der jüngsten Finanzkrise und trotz den gravierenden Wirtschaftskrisen von 2001 und 2008 auch in der aktuellen existenziellen Krise des Euro die Banken – vor allem in England und den USA – weiterhin mit spekulativen Wertpapiergeschäften im Interesse ihrer Kunden Gewinne machen und ihre führenden Manager mit fürstlichen Gehältern und Gewinnanteilen am Ertrag beteiligen.

Folgerung: „Die Regierung müsste handeln“ aber „vieles deutet darauf hin, dass Downing Street Nummer 10 vor der mächtigen Finanz-Lobby einknickt; ..die Geldhäuser betreiben indes das wohlkalkulierte Spiel der Erpressung. Sie drohen mit der Abwanderung nach Hongkong oder New York.“
Dass Verluste letztlich von den Steuerzahlern getragen werden, hat sich im Sinn der Geschäftemacher mehrfach bewährt.
Der Vorgang entspricht dem Grundgesetz der freien globalen Marktwirtschaft - unabhängig vom Allgemeinen Wohl bleiben private Interessen ungehindert allein am eigenen möglichst kurzfristigen Vorteil ausgerichtet.
Dieser Blick auf den Mechanismus globalisierter Wirtschaft lässt die Beziehung zwischen Markt und staatlicher Ordnung erkennen.
Dem Thema Markt und Ordnung ist ein Hauptwerk des Universalgelehrten Johann Joachim Becher aus Speyer gewidmet. Mit seinem „Politischen Diskurs“ von 1668 und dank seiner vielseitigen praktischen Initiativen zur Stärkung der Wirtschaft zugunsten des Allgemeinwohls gilt Becher als einer der maßgeblichen Begründer des Merkantilismus in Deutschland.
Letztlich und im Kern ging es ihm darum, den Staat im Wettbewerb mit dem Ausland zu stärken. Wichtige Mittel zu diesem Ziel hat er in guter Bildung, in Maßnahmen der Beschäftigungsförderung durch den Ausbau von Gewerbe (Manufakturen als Vorstufe der Industrie) sowie in einem blühenden Handel ohne Behinderung des Wettbewerbs durch Zünfte und Zölle gesehen. Die Geldpolitik sollte durch eine öffentliche „Landbank“ gesteuert werden; besondere Förderung sollten Wissenschaft und Gesundheitspflege erfahren; die Einfuhr von Fertigwaren sollte unterbunden und umgekehrt die Ausfuhr wertvoller Produkte gefördert werden, alles aber mit dem obersten Ziel, das Wohl der „Gemeind“ zu stärken. Städte und Gemeinden sollten möglichst viele Einwohner beschäftigen und damit auch ernähren können.
Trotz weitgehender Übereinstimmung in den praktischen Methoden (Förderung von technischem Fortschritt und der Produktivität v.a. in staatlichen Regiebetrieben) unterscheidet sich der letztlich am Allgemeinwohl orientierte Merkantilismus Bechers grundlegend vom „Colbertismus“ französischer Prägung (benannt nach dem erfolgreichen Finanzminister des Sonnenkönigs Ludwig XIV.) Der hatte zum vorrangigen Ziel, bei Schonung des Adels die Staatskasse des absolutistischen Monarchen aufzufüllen und damit zahlreiche Kriege, den Festungsbau Vauban’s und den sagenhaften Prunk des Schlosses in Versailles samt einem kaum noch überschaubaren Hofstaat zu finanzieren.
Im Gegensatz dazu war Johann Joachim Becher in den Jahrzehnten nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg mehr daran gelegen, das Land wieder aufzubauen und zu bevölkern.
Man wird sich nicht wundern, dass viele seiner Projekte, wie beispielsweise die Gründung einer Kolonie auf dem seinerzeitigen „Hanauisch Indien“, dem heutigen Französisch Guayana im Norden von Südamerika oder der Export österreichischen Weins nach Holland, letztlich ohne Erfolg geblieben sind.
Das schmälert aber keineswegs die bleibende Gültigkeit seiner Grundidee, wonach das Streben nach eigenem Vorteil im wichtigen und notwendigen privaten Wettbewerb (ohne Einengung durch Monopole oder andere Wettbewerbsbeschränkungen) letztlich dem Wohl der Allgemeinheit dienen sollte – nach dem Postulat des späteren Montesquieu (in seinem grundlegenden Werk „Vom Geist der Gesetze“ 1748) oder in der Umschrift der alten Deutschen Mark: „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“.
Heute wäre es wichtig und hochaktuell, sich auf diese von Johann Joachim Becher rührig vertretene, bleibend gültige Maxime zu besinnen.
Sonst laufen wir Gefahr, dass sich weiterhin private wirtschaftliche Interessen auf Kosten der Allgemeinheit, nicht nur in Deutschland sondern weltweit durchsetzen, die Macht der Lobby zunimmt und „Zockerei“ auf Kosten der Steuerzahler unkontrolliert weitergeht.