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Serie "Becher und die Gegenwart": J.J. Bechers Utopie: Eine ruhliebende, gemeinschaftsdienliche Gesellschaft
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BERICHTE | JOHANN JOACHIM BECHER
Freitag, den 01. November 2013 um 11:14 Uhr
Von Professor Carl Böhret
„Das Hauptabsehen dieser philosophischen Societät beruhet darinnen: in Fried, Stille, und Ruhe zu leben, der Andacht und Tugenden abzuwarten, Welt-Händel und der Weitläuftigkeit sich (zu) entschlagen.“ So schreibt Johann Joachim Becher kurz vor seinem Tode (1682) und entwirft solchermaßen die Utopie einer idealen Gemeinschaft, die er selbst zeitlebens entbehren musste beim mühseligen Kampf für Inventionen und innovative Projekte. Nach all den Anfeindungen, dem Konkurrenzneid, dem Mobbing und den immer wieder versuchten Ausgrenzungen wollte er endlich ein wenig zur kreativen Ruhe kommen, sich nicht mehr rechtfertigen müssen dafür, dass er doch segensreich Neues in die Welt bringen will, und so zur Glückseligkeit aller beitragen möchte.

So entwirft er – durchaus in der Tradition der klassischen Utopisten (Morus, Bacon u.a.) seine Idee einer ruhliebenden und ihrem Nächsten zu dienen suchende philosophische Gesellschaft; wobei er spätere frühsozialistische Ideen teilweise antizipiert (Owen, Saint-Simon, Proudhon u.a.).
Bechers Erkenntnisinteresse: Wie könnte eine Societät aussehen, in der jede(r) gleichberechtigt eingebettet ist, in der nicht Eigennutz und die Verführungen der Macht wie des Geldes vorherrschen und so der „Kampf aller gegen alle“(Hobbes, 1651) vermeidbar wird? Eine Gemeinschaft auch, in der Wissenschaft und Bildung genau so gefördert werden wie soziökonomische Partnerschaft und die Tugenden des evolutiven Bewahrens in Verantwortung für eine gute Zukunft.
Es geht um eine Gemeinschaft gleichwertiger Mitglieder, ohne äußere Standesunterschiede, auf ökonomisch gesicherter Grundlage, was bedeutet:
o Jede(r) bringt Land und Kapital ein (oder erwirbt es dafür)
o Das Eingebrachte bleibt garantiert(zurück bei Austritt)
o Zugewinn gehört der Gemeinschaft, wird aber persönlich gutgeschrieben
o Kost und Wohnung sind frei, desgleichen die Ausbildung der Kinder und die Gesundheits- und Altersversorgung
o Forschung und Ergebnistransfer werden ermöglicht.
Soziale Grundregeln:
o Jede(r) darf nach seiner/ihrer Religion leben
o Alle sollen (ohne Gezänk und üble Nachrede) zusammenwirken
o Alle sollen still, bescheiden und tugendhaft in der Gemeinschaft leben
o Alle sollen freudig tätig sein und treulich bewahren, was ihnen von der Gemeinschaft anvertraut wird
o Die Jugend ist tugendhaft und für die Wissenschaften zu erziehen (Basis: viergliedriges Bildungssystem)
o Die Alten sind zu warten und die Kranken sind zu kurieren; Medikamente werden hergestellt; medizinisches Personal ist vorhanden.
Organisat ionspr inzipien: Frühform einer Genossenschaft, Vollmitglieder und Nutzer auf Zeit, obrigkeitliche Ratifizierung (und Gewährleistung).
In die ersehnte „ruhliebende Gesellschaft“ durfte J.J. Becher selbst nicht mehr eintreten: im Oktober 1682 starb er in London.
Sein Entwurf für eine solidarische Gemeinschaft mit kollektivem Eigentum, sozialer Gleichheit, nützlichen Gemeinschaftseinrichtungen und genossenschaftlicher Selbstverwaltung blieb seinerzeit nahezu unbeachtet; abgelegt bei anderen Utopien. Aber am 29.10.1910 wurde in Israel der erste Kibbuz (Degania Alef) gegründet. Bechers Vorstellungen einer idealen Gemeinschaft finden sich dort weitgehend wieder – es geht also schon; vielleicht gerade in entwickelten „Modell“-Gesellschaften.