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Serie “Becher und die Gegenwart”: Bildung und Zuwanderung - Bechers Programm einer aktivierenden Bevölkerungspolitik
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BERICHTE | JOHANN JOACHIM BECHER
Dienstag, den 07. Januar 2014 um 21:50 Uhr

Von Professor Carl Böhret
Schon im erweiterten Titel seines Hauptwerkes (Politischer Diskurs, 1668) schreibt der Speyerer Universalgelehrte Johann Joachim  Becher, dass und wie ein Land nach den verheerenden Folgen des dreißigjährigen Krieges wieder  „volkreich und nahrhaft (chancenreich)“ zu machen sei und damit auch eine funktionierende Zivilgesellschaft erreicht werden könne.

 

„Nur der volkreiche und nahrhafte Staat ist auch ein mächtiger Staat.“ Notwendig erscheint deshalb die Herstellung eines dynamischen Gleichgewichts („Proportionalität“) zwischen (wachsender) Bevölkerungszahl, verfügbaren Lebensmitteln im weiteren Sinn (Nahrung, Wohnung, Ausbildung) und Verdienstchancen, wozu wiederum wirtschaftliche Entwicklung (Produktion und stimulierender Konsum ) nötig ist.
Die aufeinander bezogene Erweiterung von Angebot und Nachfrage soll das Bevölkerungswachstum uno actu mit der ökonomischen Entwicklung erhöhen („interdependentes Aufschaukeln“).Das wird unterstützt durch ein funktionales Zusammenwirken der drei Stände (Bauern, Handwerker, Kaufleute), für das auch die Obrigkeit als „Dienerin der Gemein“ zu sorgen hat.
Wenn es aber nun - zum Beispiel wegen der Kriegsfolgen - zu wenig Menschen im Lande gibt, was die wirtschaftliche Erholung, das Wiedererstarken des „Staates“ und die allseitige Entwicklung der Gesellschaft hindert, dann muss die Obrigkeit eine breit angelegte „Peuplirungspolitik“ betreiben. Nicht zuletzt um damit auch wieder Wirtschafts- und Arbeitsförderung und Struktur- wie Bildungspolitik anzuregen. Nur so lässt sich der oberste Staatszweck: die „Glückseligkeit“ der Bürger und zugleich die Stärkung des Staates erreichen.
Johann Joachim Becher entwickelt dafür das Programm einer aktivierenden Bevölkerungspolitik auf politikökonomischer Grundlage.
Er formuliert dazu einige Programmziele:
(1) Es ist ein passgerechter Rahmen und eine förderliche Basis für ein optimales Bevölkerungswachstum zu schaffen, so insbesondere Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten, Gewerbeansiedlung, Unterstützung des Handwerks, „Werkhäuser“, ausreichende Nahrungsmittel, angemessene Wohnungsbedingungen, Gründung neuer Gemeinden, insgesamt also die Bereitstellung von Lebenschancen (J. Nipperdey 2012);
(2) Hinreichende Einkommen , die es ermöglichen, viele Kinder gut zu ernähren und zu erziehen.
(3) Staatliche Förderung des Ehestandes und der Familie als Fundament des Gemeinwesens.
(4) Steuerung des optimalen Heiratsalters und des angemessenen Altersunterschieds der Ehepartner (zu großen Altersunterschiede der Partner vermeiden).
(5) Einrichtung öffentlicher Findelhäuser (worin man v.a. die „Hurenkinder“ aufzieht und so das Abtreiben minimiert).
(6) Anwerbung ausbildungs- und arbeitsbereiter ausländischer Personen, die sich auch schnell integrieren (spätestens in der zweiten Generation). Sie können „in Arbeit und Brot“ gebracht – und so nützliche Glieder der Gemein - werden, wodurch auch die sonst drohende Verarmung und Bettelei zu vermeiden sind.
(7) Zuwanderung billiger Arbeitskräfte zum Beispiel aus den westindischen Kolonien, auch von Türken und Tartaren. Dazu freigekaufte Christen-Sklaven aus der Türkei, die gerne einige Zeit für die hiesigen Bauern arbeiten würden.
(8) Eine Übervölkerung (mit Lohndrückerei und Verarmung) ist nicht zu befürchten, solange die proportionale Anpassung der „Nahrhaftigkeit“ funktioniert, wofür die Obrigkeit (der Staat) mit verantwortlich ist, u.a. durch Förderung der Produktion, Verteilung und der Ausbildung.
(9) Nach der Interdependenzlehre schafft wachsende Bevölkerung über ökonomisches Wachstum (und Konsum) die nötige Nahrhaftigkeit  - es kommt zu einem „dynamischen Gleichgewicht“.
Fazit: „Alles,… was da dienet zur Beförderung einer volkreichen, nahrhaften Gemein, das ist anzunehmen, und was hinderlich, abzuschaffen. Das ist die gründliche Politik.“ (J.J. Becher: Psychosophia, 1678, S. 106)
Mit diesem bevölkerungspolitischen Programm der Lebenschancen markiert Johann Joachim Becher anerkanntermaßen auch den Beginn der "sozioökonomischen Bevölkerungslehre".