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Kunstverein Schwetzingen: Bilder von Hildegard Fuhrer zeigen nicht nur 'Vergissmeinnicht' in 'vernachlässigten Ecken und Winkeln'
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KULTUR | Kultur Regional
Samstag, den 16. Juli 2011 um 09:35 Uhr
Von Dr. Dietmar Schuth
Die in Schwäbisch Gemünd geborene, in den 1960er Jahren an der Kunstakademie in Karlsruhe studierte und in Lauf bei Nürnberg lebende Malerin Hildegard Fuhrer zeigt ihre Gartenbilder. Dabei handelt es sich um poetische Detailaufnahmen von oft berühmten Gärten in Italien, England oder Deutschland - darunter auch der Schwetzinger Schlossgarten. Alle Bilder sind in einer veristischen Akkuratesse gemalt und wirken in ihrer sommerhellen und luftigen Stimmung dennoch fast impressionistisch. Es sind freundliche Landschaften wie auch nachdenkliche Stillleben zugleich.

Das Vergissmeinnicht ist das Titelmotiv dieser Ausstellung, nach einem jüngst fertig gestellten Bild von Hildegard Fuhrer gleichen Namens. Es zeigt das seit dem frühen 19. Jahrhundert kultivierte Kaukasus-Vergissmeinnicht (Brunnera macrophylla), das sich in einem arabesken Gestrüpp, fast wie das von Hildegart von Bingen titulierte Unkraut, um einen roten (!) Goldlack rankt und wuchert. Doch wuchern ist ein zu hartes Wort, ist diese Pflanze doch ein zartes Gespinst mit seinen niedlichen und lieblichen Blüten, die treu und bescheiden auf ihre Bestäubung warten, während der rote, hoch aufragende Goldlack etwas kokette der Blickfang in diesem Bild ist. Doch die Kulturgeschichte lehrt, wie geschehen, dass das Vergissmeinnicht nicht ganz so harmlos ist.
Hildegard Fuhrer malt mit Vorliebe Blumen und andere Pflanzen, die in schönen Gärten wachsen, blühen und verwelken. Die Kulturgeschichte einer Pflanze ist ihr dabei nicht unbedingt im Bewusstsein, doch kann das Wissen um eine solche Tradition helfen, die Bilder der Hildegard Fuhrer über ihre schöne Anmutung hinaus intensiver zu betrachten. Viele andere Blumen lassen sich in ihren Bildern - dank ihrer fast wissenschaftlich exakten Malweise - botanisch verifizieren. Dabei führen einige Bilder den Namen einer Pflanze als Bildtitel, wie der Zierlauch im Bild "Allium" von 2009, das alpine Steinbrechgewächs im Bild "Alpinum" von 2006 und die Kapuzinerkresse im Bild "Kapuziner" von 2004. Darüber hinaus blühen Rosen und Oleander, Geranien und Hortensien, Primeln oder Rittersporn in den Bildern der Hildegard Fuhrer. Hinzu kommen Agaven und Zitronenbäume, sowie zahlreiche Pflanzen ohne Blüten, die nur der echte Botaniker zu identifizieren weiß.
All diesen Pflanzen gemeinsam ist die Tatsache, dass sie in der Regel keine Wildformen darstellen, sondern Züchtungen des Menschen. Dieser hat sie seit Jahrhunderten zu seinem Nutzen wie auch nur zu seinem Gefallen der natürlichen Urform abgerungen, um sie aus ihrer meist fremden Heimat in Europa heimisch werden zu lassen. Dabei bemühte man sich, sie noch schöner und blühfreudiger zu machen, ihnen intensivere Farben und üppigere Formen zu verleihen. Das alles lässt Rückschlüsse auf die Künstlerin zu, die eben keine Romantikerin ist, die das wilde Vergissmeinnicht als blaue Blume der Romantik im Walde sucht, sondern die verwilderte Zuchtform in einem vom Menschen angelegten Garten.
Dies erinnert an die Englischen Landschaftsgärten des frühen 19. Jahrhunderts, als man die barocke Maßregelung der Natur zu überwinden suchte. Schon die Gärten der Renaissance offenbarten das Ideal einer durch den Menschen kultivierten Natur, die sich in einer rationalen Geometrie und architektonischen Ordnung manifestierte. Ein Buchsbaum zum Beispiel - wie er auch in den Bildern Hildegard Fuhrers erscheint - durfte nicht einfach zu einem individuellen Baumwesen heranwachsen, sondern wurde zu einem Obelisken, einer Pyramide oder zu einer Arkade zurecht geschnitten. Der barocke Garten entwickelte diese Konzeption weiter und der Schlosspark in Schwetzingen gibt hiervon ein schönes Beispiel. Dahinter "wuchert" der englische Park des frühen 19. Jahrhunderts von Friedrich Ludwig von Sckell, wo man die Natur in ihr altes Recht zurücksetzen wollte und die Maßregelung durch den kultivierten Menschen wieder etwas zurück nahm.
Schaut man nun erneut auf die Gartenbilder der Hildegard Fuhrer, erkennt man einerseits das Interesse der Künstlerin an den Formen barocker Gartenkunst, andererseits eine Sympathie für englische Landschaftsgärten. Denn meist zeigen uns ihre Bilder nicht die perfekte Bilderbuchansicht eines gepflegten Gartens, sondern lieber die vom Gärtner etwas , die eigentlich dringend einen Pfleger bräuchten, so sie denn von einer Malerin entdeckt werden, die genau darin eine Poesie erkennt: in der verwilderten Kultur.
Streift man durch den Schwetzinger Schlossgarten, was auch Hildegart Fuhrer im Lauf ihres Lebens immer wieder zusammen mit ihrem Mann Hans Peter Reuter getan hat, finden sich relativ wenige dieser poetischen Ecken. Kein anderer Park in Europa ist so gepflegt wie der in Schwetzingen, herausgeputzt für den Antrag auf das UNESCO-Weltkulturerbe. In den 1970er Jahren hat Fuhrer einmal das Teehäuschen im Schwetzinger Park in eines ihrer Bilder aufgenommen. Es folgten viele Reisen in andere Gärten Europas. Dieser Katalog zeigt Bilder aus berühmten Gärten des 17. und 18. Jahrhunderts, wie uns einige Bildtitel verraten: Der Schlosspark von Rheinsberg, bekannt durch Theodor Fontane in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg; der von Fürst Pückler-Muskau gestaltete Landschaftspark bei Branitz in Cottbus; der Muskauer Park in der Lausitz; der Schlosspark Charlottenhof südwestlich von Schloss Sanssouci in Potsdam. Hinzu kommen Valsanzibio in Abano, einer der schönsten Gärten Italiens, und andere eher einfache, private Gärten.
Die Künstlerin findet in diesen Parks und Gärten ihre Motive, fotografiert sie und nimmt so ihre Erinnerungen mit nach Hause, wo sie dann ein Motiv auswählt und in Monate währender Arbeit auf die Leinwand bringt. Dabei werden bis zu sieben Lagen Acrylfarbe aufgelegt und jedes Detail wie auch die ganze Farbstimmung eines Bildes minutiös bearbeitet. Hildegard Fuhrer pflegt die klassische Ateliermalerei, die vor Sonne, Wind und Regen geschützt, eine intensive Vertiefung in ein Bild erlaubt. Nur hier kann eine auch handwerklich so zeitaufwendige Malerei gelingen, die durch den langfristigen Malprozess zu einer sehr intensiven Studie der Realität generiert.
Ein anderer Vergleich, der sich aufdrängt, ist der mit Albrecht Dürers Aquarell von 1503 "Das große Rasenstück". Dabei handelt es sich um eines der berühmtesten Stillleben der Kunstgeschichte und eine der wenigen reinen Pflanzenstudien Dürers. Berühmt wurde es, weil es handwerklich so unglaublich minutiös gemalt wurde, aber auch weil sein Motiv eigentlich nicht bildwürdig ist. Zwar erscheinen um 1500 zahlreiche, naturgetreu getroffene Pflanzen in den Bildern vieler Maler, doch repräsentieren diese stets eine Symbolik und sind so gemalt, das jeder sie erkennen kann. Bei Dürer jedoch erscheinen nur der Löwenzahn mit einer verschlossenen, so doch leicht zu identifizierenden Blüte. Die anderen Pflanzen, Wegerich, Knäuelgras, Ehrenpreis, Schafgarbe und Gänseblümchen, sind ohne Blüte und nur dem echten Botaniker und der Kräuterhexe vertraut. Sie können also keine Symbole sein und verweigern sich zudem einer rein dekorativen Gesinnung, wie wir sie in der Stilllebenmalerei seit dem frühen 16. Jahrhundert gerade bei Blumen erleben.
Hildegard Fuhrer steht mit ihren Sillleben in dieser Dürerschen Tradition. Wie er verzichtet sie auf den symbolischen wie auch rein dekorativen Aspekt der Blumen und Pflanzen. Vielmehr porträtiert sie eine Flora, die wie das Rasenstück eher unscheinbar am Rande wächst, und mehr für Insekten und Wühlmäuse interessant erscheint, als für den Menschen. Zwar handelt es sich dabei im Gegensatz zu Dürer um gezüchtete Pflanzen, doch werden diese in einem natürlichen Werden und Vergehen vorgeführt. In diesem Sinne schafft Hildegard Fuhrer Stillleben in ihrer klassischsten Ausprägung und steht damit ganz im Gegensatz zu den prunkvollen Blumenstilleben der niederländischen Malerei des Barock, in der die kostbarsten Tulpen und seltensten Rosen als Ausdruck von Pracht und Wohlstand erblühten. Will man einen modernen Vergleich bemühen, kann man auf die Maler der Neuen Sachlichkeit verweisen, die in den 1920er Jahren verwandte Stillleben schufen. Auch sie interessierten sich für kultivierte Pflanzen, Zimmerpflanzen oft, die wie in Fuhrers Bild "Martinas Tisch" von 2003 als eher traurige Zeitgenossen erscheinen.
Hildegard Fuhrers Malerei ist mit dem Begriff des Stilllebens gattungsgeschichtlich aber nicht völlig abgedeckt. Oft weitet sich ihr Blick von dem vegetabilen Motiv und erfasst den Kontext, die Landschaft wie auch die Architektur eines Gartens, so dass ihre Bilder zwischen Stillleben und Vedute einzuordnen sind. Auch Tierstücke kommen hinzu, ja, sogar die Genre-Malerei deutet sich in einigen Bildern an, wie etwa in dem von allem Menschen verlassenen Bild "Bergbar" von 2007.
Eine echte Landschaft stellt das Bild "Seele" von 1997 dar. Das vegetabile Stilllebenmotiv, das Große Rasenstück quasi, steht im vorderen Mittelgrund, zwei botanisch nicht näher zu bestimmende Stauden ohne Blüten, zwei Stockrosen vielleicht, ein Unkraut womöglich, doch im Dürerschen Sinn durchaus bildwürdig. Im Original stehen bzw. standen diese Pflanzen in Südtirol, in dem Garten eines Hotels am Kalterer See. Blau schimmert dieser See im Hintergrund vor der lichtdurchfluteten Bergkulisse. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass da noch ein Wasser, ein Kanal vom See getrennt ist, auf dem ein weißer Schwan am Auge des Betrachters vorbeizieht. Der menschliche Garten geht also in eine natürliche Landschaft über, so dass sich erneut der kultivierte Geist des Barock und der der Romantik gegenüber stehen. Der Bildtitel "Seele" scheint für die Romantik zu sprechen, die schließlich in der wilden Natur ein Spiegelbild ihrer aufgewühlten Seele suchte. Doch dieses Bild ist wie auch die anderen Bilder Hildegard Fuhrers ohne jede Aufregung. Man könnte hier eher eine spätromantische Geisteshaltung sehen, die das Wildromantische auch im Seelenleben überwindet und in der teils natürlichen, teils kultivierten Natur eine ausgeglichene Harmonie des Lebens sucht?

Vernissage am Samstag, den 23. Juli 2011 um 16 Uhr
Kunstverein Schwetzingen im Palais Hirsch, Schlossplatz 2

Ausstellungsdauer: 23.7. - 14.8. 2011
Öffnungszeiten: Mi-So 14-18 Uhr

 

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