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Querdenker und Grenzgänger: Professor Carl Böhret wird 80 - Verantwortung für die Zukunft übernehmen
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LEBEN | MENSCHEN
Mittwoch, den 24. Juli 2013 um 12:15 Uhr
Von Klaus Stein
Kaum ein deutscher Professor verbindet Wissenschaft und Praxis auf so überzeugende Weise wie Carl Böhret, der in wenigen Tagen seinen 80. Geburtstag feiert. Auch in diesem Alter verblüffen der Jubilar und seine Ehefrau Christl, mit der er seit 60 Jahren verbunden ist, durch unglaubliche Vitalität und Geistesschärfe. Von Ruhestand kann bei Böhret keine Rede sein, denn nach wie vor beschäftigen ihn Zukunftsfragen wie der Einfluss der Gentechnologie auf Recht und Gesellschaft. Die demographische Entwicklung ist für ihn eine der großen Herausforderungen der Zukunft, bei deren Lösung er mitarbeiten will.

Auch erwartet der Politikwissenschaftler in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren gänzlich neue Strukturen der politischen Willensbildung - Stichwort E-Demokratie. Zwar müssten die Entscheidungen weiter in den Parlamenten fallen, aber im Vorfeld werde es, dank der neuen Technologien, mehr Mitsprachemöglichkeiten der Menschen bei politischen Vorhaben geben, ja geben müssen. "Solange es meine Gesundheit zulässt, werde ich wissenschaftlich weiterarbeiten", sagt Professor Carl Böhret im Gespräch mit unserer Zeitung im Wintergarten seines Hauses in Speyer-Süd. Außerdem habe er Pläne für ein weiteres wissenschaftliches Buch und möchte im Bereich der Folgeabschätzung sowie der Weiterbildung arbeiten.
Carl Böhret ist ein Querdenker, ein Grenzgänger, der die verschiedensten Aspekte des Denkens miteinander verknüpft.
Als der kleine Carl Böhret am 30. Juli 1933 im Württembergischen Bad Friedrichshall seinen ersten Schrei ausstieß, stand in seinem Stern alles andere als eine wissenschaftliche Karriere vorgezeichnet. Kurz zuvor hatten die Nazis die Macht an sich gerissen, kämpften die Menschen mit den Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise. Also wahrlich keine guten Startbedingungen für einen neuen Erdenbürger.
Er ging in den Kriegs- und Nachkriegsjahren zur Grund- und dann zur Oberschule, verließ diese aber 1950, um eine Mechanikerlehre zu machen.
"Es war eine von meinen schwäbischen Eltern gesteuerte Entscheidung, denn es wurde überlegt: Was braucht Deutschland nach dem Krieg – Techniker!" Es sollte aber nicht irgendein Ausbildungsbetrieb sein, sondern der beste - das war NSU. Nach einer dreitägigen Eignungsprüfung war er einer von etwa 50 Glücklichen, die genommen wurden. Nach der Ausbildung, die er wegen herausragender Leistungen mit einer ausdrücklichen Belobigung abschloss, wurde er in die Rennsportabteilung des Unternehmens übernommen.
"NSU war damals im Rennsport sehr erfolgreich", erinnert sich Böhret mit einigem Stolz, denn er war daran beteiligt.
Er habe damals viel gelernt, vor allem anschließend in der Entwicklungsabteilung, wo es schon Richtung wissenschaftliches Arbeiten gegangen sei. "Das war bis dahin die Welt, die durch meine Eltern vorgezeichnet war, und ich sagte mir, das kann es nicht gewesen sein."
Folgerichtig wechselte er von NSU an die Sozialakademie nach Dortmund. "Dort habe ich endgültig Lunte gerochen, was das wissenschaftliche Arbeiten anbelangt", beschreibt er seine damalige Situation. Allerdings gab es noch eine Hürde zu überwinden - Carl Böhret hatte immer noch kein Abitur. In Berlin gab es die Möglichkeit, auch ohne Abitur ein Studium zu beginnen, es musste nur innerhalb von drei Jahren nachgeholt werden, was dann 1960 auch gelang.
Nicht missen möchte er die Erfahrungen als Gewerkschafter, denn er machte von 1957 bis 1958 ein Volontariat bei der IG Metall in Pforzheim.
"Mein Studium der Politik- und Wirtschaftswissenschaften an der Freien Universität (FU) Berlin (1958 bis 1962) habe ich so schnell wie möglich durchgezogen", so Böhret. Nach dem Studium arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter an der FU, machte zwischenzeitlich seinen Doktor (rer.pol).
Nach einjährigem Forschungsaufenthalt (1967-68) an der Brookings-Institution in Washington D.C. habilitierte er sich 1970 an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU für das Fach Politikwissenschaft.
Allerdings war 1970 sein Rat bei seinem alten Arbeitgeber NSU gefragt. Dort stand die Fusion mit Auto Union unter dem Dach von VW an. Böhret war 1970/1971 Leiter der Hauptabteilung „Planung und Koordination“ beim Vorstand der AUDI NSU Aktiengesellschaft, brachte seine Erfahrungen in systemischem, die Folgen berücksichtigendem Planen ein, ein Arbeitsfeld, das ihn noch heute beschäftigt.
Die Rückkehr nach Neckarsulm war für ihn auch eine Gelegenheit, dem phasenweise chaotischen Lehrbetrieb der 68'er-Zeit in Berlin zu entkommen. Es sei nicht einfach gewesen, einen ordentlichen Lehrbetrieb aufrecht zu erhalten, erinnert er sich.
Trotzdem kehrte er 1971 wieder nach Berlin zurück, als ordentlicher Professor und Planungsbeauftragter des Sozialsenators.
Die heutige Hauptstadt war damals eine Insel und die Perspektiven deshalb - anders als heute - beschränkt. Deshalb folgte er 1975 dem Ruf nach Speyer an die Verwaltungshochschule (heute Universität). „Ich rechnete mir in Speyer bessere Chancen aus, wissenschaftlich zu arbeiten", nennt Böhret als Grund für den Wechsel in die Provinz. Seine Rechnung sollte aufgehen, denn in der Folgezeit konnte er Bahnbrechendes auf den Weg bringen, wie das im Auftrag der Bundesregierung erstellte Handbuch "Gesetzesfolgenabschätzung", das erstmals Methoden einer folgenorientierten Gesetzgebung bündelt. "Niemand denkt an die Nebenwirkungen von Gesetzen, vor allem über längere Zeiträume hinweg", so Böhret. „Sie werden oft mit heißer Nadel gestrickt.“ Er sei dafür, Gesetze nur auf beispielsweise fünf Jahre begrenzt zu erlassen, ihre Folgen dann zu überprüfen und sie gegebenenfalls zu modifizieren oder wieder ganz abzuschaffen. Einige Landesgesetze, an denen er mitgearbeitet habe, funktionierten heute noch prima. Außerdem habe er im Rahmen der Berufsfortbildung eine systemische, alle Aspekte umfassende Denkweise eingeführt. In einigen Kommissionen engagierte sich Böhret im Bereich der Verwaltungsmodernisierung und war 1989-91 Rektor der weltweit renommierten Speyerer Eliteeinrichtung.
Böhret ist Mitbegründer der Johann Joachim Becher-Gesellschaft und war von 2001 bis zum 13. November 2008 Vorsitzender des Vereins, der unter anderem das Ziel hat, "den Austausch von Wissen und Rat zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie, Politik und Verwaltung zu pflegen sowie an der Umsetzung von daraus gewonnen Erkenntnissen mitwirken". Becher, bei dem er einige Parallelen zu sich selbst sieht, fasziniert ihn immer noch. (Foto: ks)
 

 

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