systemsprenger

„Wenn du Hilfe brauchst, ruf mich an!“ Mit einem
Ruck setze ich mich im Bett auf. Wer hat das eben
gerufen? Ich spüre, dass ich es selber gewesen
bin.

Wie ich da sitze, geht mir der Satz immer wieder
unerbittlich durch den Kopf, lauter und lauter, bis
er zu hallen scheint. Ich lege sogar die Hände über
die Ohren, so nah kommt mir der Klang. Ich schlucke,
dann brülle ich den Satz laut vor mich her,
um ihn los zu werden: „Wenn du Hilfe brauchst,
ruf mich an!“

Damit ist zunächst die Luft heraus. Ich stehe auf,
schieb‘ die Füße in die bereitliegenden Pantoffeln
und überlege ...

Es ist noch etwas nach dem Erwachen zurückgeblieben
– ein ungutes Gefühl, dass jemand vielleicht
Hilfe benötigt, und es ist meine Verantwortung.

Man kann sich nicht so ohne weiteres aus
der Verantwortung davonstehlen.

Gibt es denn irgendetwas, was ich vergessen
habe? Was war gestern gewesen? Mit wem war
ich zusammen? Hat mir irgend jemand von einer
Notsituation berichtet?

Es fällt mir nichts ein – außer einer zufälligen Begegnung
vormittags auf dem Markt und anschließend
Smalltalk bei einer Tasse Kaffee. Nachmittags
habe ich meine Weihnachtspost erledigt, und
am Abend einen Teil von einer Quizsendung angeschaut.
Nun ist es zwanzig vor drei Uhr nachts. Da steh‘
ich nun in meinen Pantoffeln. Die nächtliche Kühöle
fängt an, durch meinen Pyjama zu dringen,
ud irgend jemand könnte jederzeit meine Hilfe
brauchen und mich anrufen.

Ruhig Blut! Ich habe geträumt. Aber was denn
wohl?

Ich höre die Stimme wieder: „Wenn du Hilfe
brauchst, ruf mich an!“ Das ist meine eigene Stimme.
Warum weiß ich nicht mehr, wem ich dieses
Angebot gemacht habe? Irgendwie muss ich das
herausfinden.

Ich gehe hinüber in die Küche und mache mir eine
Tasse Kakao. Es ist ja alles ruhig, normal, und der
Krampf des Traumes und der komischen Stimme
fallen von mir ab. Gleich werde ich mich wieder
hinlegen und bis morgen früh entspannt durchschlafen.
Kaum sitze ich am Küchentisch – der schokoladige
Geruch meines Kakaos steigt mir besänftigend
in die Nase –, als mein Telefon klingelt.

Der Kakao hört auf zu duften, die Kälte dringt vollends
durch meinen Pyjama, ein losfahrendes Auto
heult auf. Ich erstarre.

Das Telefon klingelt weiter, wieder und wieder.
Soll ich drangehen? Mitten in der Nacht?

Ich warte zu hören, ob jemand auf den Anrufbeantworter
spricht – und tatsächlich: Man hört mehrere
laut erregte Stimmen, eine Art musikalischen
Hiuntergrund, das Klirren von Gläsern.
Witzbold!

Genervt hebe ich den Hörer ab und knalle ihn
gleich wieder hin.

Der Kakao duftet nicht mehr so verführerisch, die
Käölte treibt mich wieder ins Bett. Zusammengerollt
lass ich die Wärme mich umfangen, und ich
fange an, in die Tiefe zu sinken.

Ich muss sehr schnell eingeschlafen sein, denn
ich erinnere mich an nichts mehr, bis der Wecker
mich zurück in das Tagesgeschehen ruft.

Ich denke gar nicht mehr an den Traum, bis ich
den leeren Kakaobecher in dem Spülstein sehe.
Dann vertiefe ich mich wie immer in die Tageszeitung.
Auf der ersten Seite des Lokalblatts prangte in großes
Foto von einem Brand in einer lokalen Disco,
und während ich es ansehe, höre ich in meinem
Kopf die eigene Stimme: „Wenn du Hilfe brauchst,
ruf mich an!“

(Dezember 2018)

Dawn Anne Dister ist in Schottland aufgewachsen
und lebt seit 1976 in Speyer. Sie hat jahrelang
heaterarbeit mit Schülern und Erwachsenen betriueben
und ist Mitgründerin der Theatergruppe
PRISMA in Speyer. Nach dem Schuldienst nunmewhr
im Ruhestand, wendet sie sich verstärkt 
dem Schreiben zu und ist Mitglied im Literaturverein
der Pfalz. Ihre Anthologie von Gedichten und
Prosatexten in englisch und deutsch ist kürzlich
erschienen und in der Buchhandlung Oelbermann
sowie der Speyerer Buchhandlung erhältlich.