Ein Wiedersehen mit Speyer nach vielen Jahren und Auftakt der Präsentations-Tournee seines neuen Albums "Places We Have Been": Für den belgischen Fingerpicking-Virtuosen Jacques Stotzem war das Auftaktkonzert des Speyerer Gitarrensommers in zweierlei Hinsicht etwas Besonderes. Für die Besucher in der vollbesetzten Heilig-Geist-Kirche war das Konzert auch etwas Besonderes: ein sensationelles Musikerlebnis erster Güte.

Los ging es mit dem rasanten Titel "Twenty-One". Der gigantische Klang der Gitarre (Stotzem spielt auf einer seinen namen tragenden Spezialanfertigung der Firma Martin, eine Ehre, die nicht jedem Musiker widerfährt), die optimal ausgesteuert war (großes Kompliment an den Soundman!), füllte den Raum wie eine komplette Band. Unwillkürlich suchte man den zweiten oder dritten Gitarristen. Aber nein, das war allein Jacques Stotzem, der kraft seiner Virtuosität Melodie- und Rhythmusspiel zu einem geradezu orchestralen Ganzen verwob. Seine Titel (bis auf wenige Ausnahmen spielte der 60-Jährige eigene Kompositionen) spiegeln die vielen Erlebnisse und Erfahrungen wider, denen Stotzem auf seinen zahlreichen Konzertreisen ausgesetzt ist. Dabei kommen auch Einflüsse exotischer Musik zur Geltung wie bei dem fabelhaften Oasis, wo man Klänge der arabischen Laute, der Oud, zu hören glaubt. Balladen und rockige Nummern wechselten sich ab. Die Balladen wurden auf einem Stuhl sitzend vorgetragen, Abwechslung musste schließlich sein! Humorvoll erläuterte Jacques Stotzem seine Stücke, unter denen sich auch ein deutschsprachiger Titel befand (Morgen geht's weiter). Unbeeindruckt gab er sich angesichts einer im Internet geäußerten Kritik zu seiner Interpretation von 'Hey Joe' des großen Jimi Hendrix. Die Nummer, so der anonyme Kritiker, könne man doch nicht auf der akustischen Gitarre spielen, schon gar nicht, wenn man wie Stotzem keine Haare mehr auf dem Kopf habe und eine Brille trage. Jacques Stotzem bewies seinem Publikum: Oh doch, man kann! Wie die Martin das Geheule von Jimi Hendrix' Stratocaster imitierte, das war mitreißend und hätte Jimi garantiert gefallen. Der wäre ja nun heute 77 und trüge möglicherweise auch Glatze! Ein anderes Vorbild des Belgiers, der mit 19 Jahren beschloss, Profimusiker zu werden, ist Rory Gallagher. Sein Tribut an den 1995 verstorbenen Iren war komplex, ungeheuer rockig und eindrucksvoll. Fingerpicking - ist das nicht dieses Ragtime-Spiel? Wer das erwartet hatte, musste sich mit der überraschenden Vielfalt erst vertraut machen, die das Gitarrespiel von Jacques Stotzem prägt. Da gibt es eben auch den Einfluss der Valse Musette, diesen vom Akkordeon geprägten Walzertyp, den man mit Paris und Montmartre assoziiert. Auch das geht auf der Gitarre, wenn auch zugegebenermaßen ungewöhnlich. Der Rezensent gibt jedenfalls jenem Konzertbesucher recht, der Stotzem - wie dieser augenzwinkernd erzählte - erklärt hatte, sein Stück Musette Pour Edith habe doch mit Musette nicht allzuviel zu tun. Es ist ja trotzdem ein schönes Stück. Die zweite Zugabe war ein Medley aus  den Jazz-Klassikern All Of Me und Sweet Georgia Brown, im allerbesten Fingerpicking-Stil halsbrecherisch schnell vorgetragen. Das kann er also auch, na, kein Wunder! Die Gitarre ist ein wunderbares Instrument, und ein Künstler wie Jacques Stotzem versteht es, ein Publikum fast zwei Stunden in den Bann zu ziehen - alleine mit seiner Gitarre, die sich am Schluss vor den eifrig applaudierenden Zuhörern und Zuhörerinnen artig verbeugte. Wir freuen uns schon jetzt auf ein Wiedersehen mit dem sympathischen, bescheidenen Künstler.

Rolf Klein