Systemsprenger? Klingt gefährlich. Man nennt so die Jugendlichen mit vielfältigen Problemen, die aus allen Maßnahmen der Jugendhilfe herausfallen. Sie können sich nirgends einfügen, sind für professionelle Jugendhelfer schwer zu erreichen, reagieren aggressiv und unberechenbar. In diesem Jahr hat die Regisseurin Nora Fingscheidt einen gleichnamigen Film vorgestellt, der verschiedene Auszeichnungen bekam. Die Hauptdarstellerin ist ein 9-jähriges Mädchen, Benni, gespielt von Helena Zengel. Die Handlung: eher verstörend. Nicht nur wegen des teils aggressiven Verhaltens der kleinen „Systemsprengerin“. Da gibt es auch überforderte Mitarbeiterinnen vom Jugendamt, Anti-Gewalt-Trainer, die an ihre Grenzen gehen, eine Mutter, die keine Verantwortung mehr übernehmen kann und will. Man bleibt einigermaßen ratlos zurück: Wie kann man helfen?

Kein Film, aber in echt: Peter (Name geändert) ist ein groß gewachsener, schlanker Junge mit einem ruhigen Gesicht. Ein sportlich wirkender Typ mit einem akkuraten Scheitel und modisch kurzem Haarschnitt. Tattoos sind keine zu erkennen. Das ist ein Systemsprenger? Der Achtzehnjährige wirkt weder verwahrlost noch gefährlich. Man könnte ihn – bei der Körpergröße von über zwei Metern – für einen Basketballspieler halten, irgendeinen Gymnasiasten kurz vor dem Abi. Peter erzählt nur wenig von sich, mit leiser Stimme. Blickkontakt wird vermieden. Die Sprache ist artikuliert, wirkt überhaupt nicht prollig wie die so gern von Comedians persiflierte Jugendsprache („Ey, Alder!“).

In Berlin geboren – seinen leiblichen Vater hat er nicht kennen gelernt -, kommt er bald zu Pflegeeltern, denn seine Mutter vernachlässigt ihn und seine wenig ältere Schwester. Der Dreijährige sitzt mit der Schwester, völlig sich selbst überlassen, zu Hause, während die Mutter irgendwo feiert. Aber bald wird sein Verhalten problematisch, er kommt in andere Einrichtungen der Jugendhilfe. Das sind meist Wohngruppen, in denen eine gewisse Disziplin herrschen muss. Dieser widersetzt sich Peter immer öfter, reißt aus, fängt an, mit Drogen zu handeln, wird straffällig. Einen Schulabschluss hat er nicht.
Wie geht die Jugendhilfe mit solchen Jugendlichen um? Es gibt eine Reihe von Angeboten für Jugendliche, die nicht mehr in der eigenen Familie leben können. Häufig sind Wohngruppen, die von Betreuern oder Erziehern begleitet werden. Die Jugendlichen sollen dabei lernen, ein selbstständiges Leben zu führen. „Verselbstständigung“ lautet der Fachbegriff dafür. Das Problem: Mit dem Erreichen des 18. Lebensjahres können die Jugendlichen nur noch einen Antrag zur „Hilfe für junge Volljährige“ stellen. Sie stehen dann oft buchstäblich auf der Straße, wenn sie ihren Platz in der Wohngruppe verlieren. So erging es auch Peter.

Auf 5.000 bis 10.000 schätzt laut Tom Friedrich, Gesellschafter-Geschäftsführer der gemeinnützigen CoLab gGmbh, eine Studie die Anzahl dieser Fälle („Entkoppelt vom System“, Studie des Deutschen Jugendinstituts im Auftrage der Vodafone Stiftung Deutschland, 2015). „Gerade bei Systemsprengern wird die Hilfe für junge Volljährige oft nicht genehmigt“, erläutert Tom Friedrich die Problematik. Junge Erwachsene werden dann „verselbstständigt“ und vielleicht noch beim Jobcenter angemeldet. Wenn ihnen eine Wohnung zugewiesen werden kann, liegt diese oft in einem sozialen Brennpunkt und geht nicht selten bald wieder verloren. Die CoLab gGmbH kümmert sich um Jugendliche wie Peter und unterhält eine Wohngruppe in Hessen. „Oft ergreifen die Betreuer selbst die Initiative und lassen die Jugendlichen eine Zeitlang bei sich in der privaten Wohnung unterkommen“, erklärt Friedrich. Zu groß sei die Gefahr, dass die jungen Erwachsenen auf der Straße oder, noch schlimmer, in der Drogenszene landen. „Diese jungen Menschen, gerade die Systemsprenger, fallen durch alle Raster und sind auf unsere Hilfe angewiesen“, so Friedrich. Eine Wiedereingliederung ins „System“ gelingt meist nicht. Das liegt, sagt Tom Friedrich, auch an den Standards und Regeln der Jugendhilfe. Wenn da zu viel „kaputt ist“, streiken die jungen Erwachsenen oft.

Peter hatte Glück. Ein Kumpel erzählte ihm von der CoLab. Peter hat bei der CoLab-Gruppe ein neues Zuhause gefunden, sagt er. Ein bisschen wie Familie. Er hat inzwischen den Hauptschulabschluss nachgeholt und sich mehrere Wochen in Speyer aufgehalten, um, wie er sagt, herauszufinden, welcher Beruf ihm Spaß machen könnte. Die CoLab hat ihm ein Zimmer zur Verfügung gestellt. Speyer gefällt ihm gut, natürlich kein Vergleich zu einer Großstadt wie Berlin. Wo man Drogen herkriegen könnte, hat er freilich mit seinem Gespür schnell herausgefunden. „Man merkt schon, wo man hingehen und welche Leute man ansprechen muss.“ Warum hat er früher gedealt? „Es ist eine Möglichkeit, an Geld zu kommen.“ Klar, dass jemand wie Peter die Finger von den Drogen lassen muss, wenn er bei CoLab bleiben will. Bis jetzt scheint es kein Problem damit zu geben. Vertrauen ist eine ganz wichtige Grundlage der Arbeit von CoLab. „Sucht ist eine Krankheit“, stellt Tom Friedrich klar, „deshalb können wir Jugendliche nicht verpflichten, keine Drogen zu nehmen. Wohl aber verpflichten wir die Jungs, eine Entgiftung mit Therapieprogramm zu absolvieren, wenn sie rückfällig werden.“ Die Menschen in Speyer sind Peter freundlich begegnet, sagt er. Er fühlt sich respektiert und nicht abgelehnt. Die CoLab hilft ihm, zum Beispiel Unterstützung für junge Volljährige zu beantragen. Regelmäßig werden Entwicklungsberichte verfasst und bei den zuständigen Stellen eingereicht. Bei den Jugendämtern ist man über die Angebote der CoLab gGmbH erleichtert, die nur mit privaten Geldern und Spenden arbeitet. Wenn man einem „Systemsprenger“ wie Peter begegnet, wünscht man sich, dass der junge Mann irgendwie den Wiedereinstieg in ein selbstständiges, sicheres Leben findet. Einen Job, vielleicht irgendwann eine eigene Familie. Für Systemsprenger keine Selbstverständlichkeit. Die Leute von der CoLab tun, was sie können, um ihm zu helfen. Und es sieht ganz so aus, als könnte es in diesem Fall gelingen.

Rolf Klein