Der Industriehof ist ein über 7 Hektar großes Terrain mit zahlreichen alten Gebäuden und Hallen, in denen meist kleinere Unternehmen wie Handwerksbetriebe, Künstler und Musiker ansässig sind. Nach einem Besitzerwechsel haben die neuen Besitzer (Industriehof Speyer GmbH) den Stadtrat angeregt, das Gelände als "Urbanes Gebiet" auszuweisen. Dies hat der Ausschuss für Stadtentwicklung, Bauen und Konversion dem Stadtrat in einer Sitzung am 15.10. empfohlen (die Entscheidung wurde jedoch vertagt). Damit würde auch eine Wohnbebauung zulässig. Ihre Vorstellung haben die Investoren kürzlich in der "Rheinpfalz" kundgetan. Der Stadtrat hatte jedoch im vergangenen Jahr die Beibehaltung der jetzigen Nutzung als Gewerbegebiet beschlossen. Gegen eine Änderung dieses Beschlusses hat sich nun eine Bürgerinitiative gegründet. 

Der Teufel steckt im Detail. Denn was zunächst nicht übel klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Gefahr für viele Gewerbetreibende im Industriehof. Denn die erst seit 2017 bestehende Kategorie des Urbanen Gebiets (§ 6a BauNVO; BauNVO= Baunutzungsverordnung) sagt folgendes: "Urbane Gebiete dienen dem Wohnen sowie der Unterbringung von Gewerbebetrieben und sozialen, kulturellen und anderen Einrichtungen, die die Wohnnutzung nicht wesentlich stören. Die Nutzungsmischung muss nicht gleichgewichtig sein." Es bedeutet, dass Betriebe, die beispielsweise größere Lärmemissionen haben, dort nicht ansässig sein können. Viele der jetzigen Mieter des Industriehofs fürchten eine Kündigung. Bereits jetzt haben die meisten eine Mieterhöhung hinnehmen müssen. Da viele der Gebäude z.T. sehr aufwändig saniert werden müssen, ist aus der Sicht der Eigentümer nachvollziehbar, dass das Geld wieder erwirtschaftet werden muss. Eine Wohnbebauung mit gehobenen Ausstattungen ("Lofts") sowie einem Gewerbemix aus Gastronomie (eine "Gourmet-Meile" schwebt den Investoren vor), Praxen und Kanzleien wäre dazu der effektivste Weg. So gesehen, bedeutet auch eine Umwidmung als Urbanes Gebiet eine finanzielle Aufwertung des gesamten Areals. Die Bürgerinitiative fürchtet, dass die jetzige Struktur mit Kleingewerbe und Kreativen dabei verloren gehen könnte. Gewerbegebiete seien in Speyer Mangelware, was auch der Stadtrat erkannt habe. Genauso würden Wohnungen mit bezahlbaren Mieten fehlen. Eine Entwicklung als Urbanes Gebiet wäre nach Meinung der BI keine Lösung für diese beiden Probleme. Überdies lässt das Urbane Gebiet eine Bebauung wie in einem innerstädtischem Kerngebiet zu, nämlich die dreifache Überbauung des Grundstücks (Geschossflächenzahl 3). Zum Vergleich: In einem Wohngebiet gilt die GFZ 1,2, in einem Gewerbegebiet 2,4. Das wäre eine starke Verdichtung, durch die sich das Gesicht des Industriehofs nachhaltig verändern würde (über dessen Denkmalschutzwürdigkeit ist noch nicht entschieden). Hier bemängelt die BI das Fehlen einer städteplanerischen Konzeption seitens der Stadt. Ein weiterer Gefahrpunkt sind mögliche Altlasten im Boden von früheren Gewerbebetrieben. Was, wenn in einem Urbanen Gebiet der Boden aufwändig saniert werden muss? Die Bürgerinitiative "Rettet den Industriehof" will erreichen, dass der Stadtrat eine mögliche Entscheidung zuvor überdenkt und dazu die Fakten kennt. Allen Fraktionsmitgliedern sollen deshalb vor der nächsten Ratssitzung entsprechende Informationen zur Verfügung gestellt werden. Sie bemängelt, dass in der Verwaltungsvorlage, in der die Umwidmung des Areals vorgeschlagen wird, der wichtige Passus fehle, nach dem in einem Urbanen Gebiet nur solche Gewerbebetriebe zulässig sind, die das Wohnen "nicht wesentlich stören". Die Befürchtung der Bürgerinitiative, der zurzeit rund 50 Bürgerinnen und Bürger angehören, ist letztlich, dass die Stadt die Planung irgendwelchen Investoren überlässt, anstatt selbst ein Konzept zu entwickeln. Vorgeschlagen wird eventuell eine teilweise Ausweisung des Areals als Urbanes Gebiet. (Speyer Aktuell/Rolf Klein)